Henrik Follmann, Mitglied des VCI-Präsidiums und Vorsitzender des Ausschusses Selbständiger Unternehmer im VCI

Weniger Belastungen für mehr Nachhaltigkeit

Wie erreichen wir substanziell mehr Nachhaltigkeit? Diese Frage stand zu Jahresbeginn in Davos auf dem Weltwirtschaftsforum noch im Mittelpunkt. Dann kam die Corona-Krise und die Welt schien still zu stehen. Das Thema, das die öffentliche Debatte der letzten Jahre dominierte, war plötzlich nur noch eine Randnotiz. Jetzt wendet sich die öffentliche Aufmerksamkeit langsam wieder dem Thema zu – vor allem durch die Verknüpfung von staatlichen Krisenhilfen und Klimaschutz.

Dr. Henrik Follmann hielt am 1. September in Düsseldorf die Keynote auf der Handelsblatt Jahrestagung Chemie 2020 zum Thema „Chemie ist Zukunft – Herausforderungen für den Mittelstand“. - Foto: © (c) Euroforum / Foto Vogt GmbH
Dr. Henrik Follmann hielt am 1. September in Düsseldorf die Keynote auf der Handelsblatt Jahrestagung Chemie 2020 zum Thema „Chemie ist Zukunft – Herausforderungen für den Mittelstand“. - Foto: © (c) Euroforum / Foto Vogt GmbH

Wir Mittelständler – insbesondere familiengeführte Unternehmen – sehen das Erreichen von Nachhaltigkeitszielen unabhängig von der politischen Großwetterlage schon lange als Teil unserer unternehmerischen Verantwortung. Das betrifft nicht nur Umweltschutz und Sicherheit. Echte Nachhaltigkeit bedeutet besonders in diesen Zeiten, verstärkt Verantwortung für das Wohlergehen unserer Mitarbeiter wahrzunehmen und das Erreichen langfristiger wirtschaftlicher Ziele zu sichern.



Bürokratie runter, Innovationen rauf

Wie aber kommen wirtschaftlicher und umweltpolitischer Erfolg zusammen? Die Antwort kann nur „Innovationen, Innovationen, Innovationen“ lauten. Dass diese Strategie der Ansatzpunkt sein muss, ist eigentlich längst Konsens. Bisher wurde in Deutschland und der EU dabei aber viel zu kleinteilig gedacht. Es geht nicht nur um ausgefeilte Forschungsförderung mit teilweise viel zu aufwendigen Antragsformularen.

Besonders mittelständische Unternehmen brauchen technologieoffene und bürokratiearme Regulierungen. Diese müssen Innovation und Transformation intelligent anreizen, statt den Wandel mit der Brechstange erzwingen zu wollen. Die Krise muss jetzt als Gelegenheit zum Umdenken genutzt werden. Für mehr Nachhaltigkeit brauchen wir keine Flutwelle an neuen Regulierungen, sondern eine Entfesselung der Möglichkeiten und Ressourcen. Das ist auch das perfekte Anti-Krisen-Rezept.

Genehmigungsverfahren beschleunigen

Der größte Knüppel zwischen unseren Beinen ist aus meiner Sicht die Bürokratie: Die schiere Masse an Regularien ist zumindest für uns Chemie-Mittelständler kaum mehr zu bewältigen. Und sie droht Innovationen zu ersticken. Langwierige und bürokratische Planungs- und Genehmigungsverfahren sind teuer und ein massives Hindernis für Investitionen. Das ist für den Mittelstand ein klarer Wettbewerbsnachteil. Politik und Behörden müssen sich im Klaren sein: Das Erreichen der Klimaschutzziele oder gar der Treibhausgasneutralität hängt auch stark von einer deutlichen Beschleunigung der Genehmigungsverfahren für neue Produktionsanlagen und Läger ab.

Steuerliche Forschungsförderung bürokratiearm umsetzen

Ein Lackmustest, ob es klappt, mehr Innovationen in der Breite zu mobilisieren, wird die Umsetzung der steuerlichen Forschungsförderung. Nach jahrzehntelanger Diskussion ist sie seit 1. Januar 2020 endlich Realität geworden. Aber wie bürokratisch werden die Antragsverfahren ausgestaltet? Es muss darauf hingearbeitet werden, dass die Anträge ein gängiges online-gestütztes Format haben, ihre Prüfung rechtsverbindlich ist und die Feststellung der Höhe der Forschungszulage schnell und unbürokratisch erfolgt.

Belastungsmoratorium endlich ernst nehmen

Angesichts des beispiellosen Konjunktureinbruchs und des gewaltigen Investitionsbedarfs in Nachhaltigkeit sollten neue Belastungen für den Mittelstand tabu sein. Leider scheint sich die Bundesregierung aber nicht an ihr im April angekündigtes Belastungsmoratorium halten zu wollen: Neuerliche Belastungen, die den Mittelstand besonders treffen würden, drohen beispielsweise beim Unternehmenssanktionsrecht und dem Lieferkettengesetz.

Das ist gerade in der aktuellen Ausnahmesituation absolut kontraproduktiv. Stattdessen brauchen wir mehr denn je ein Umfeld, das neue Produkte und Investitionen intensiv stimuliert. Dazu wäre mehr Wertschätzung für ideenreiches Unternehmertum bitter nötig. Unternehmerische Freiheit ist der unerlässliche Treibstoff für den notwendigen Wandel hin zu mehr Nachhaltigkeit. Dann lassen sich Wohlstand und Klimaschutz perfekt kombinieren.

Für Fragen und Anregungen nehmen Sie gerne Kontakt mit uns auf.

Ansprechpartner

Dipl.-Pol. Oliver Claas

E-Mail: claas@vci.de