Studie des Instituts für Mittelstandsforschung

Autonomer Bürokratieabbau in vielen Unternehmen

Trotz tendenziell rückläufiger Kosten ist die Bürokratiebelastung für viele Unternehmen weiterhin ein zentrales Wachstumshemmnis. Eine Studie des Instituts für Mittelstandsforschung (IfM) hat erstmals untersucht, wie Unternehmen Bürokratie wahrnehmen – vom Belastungsempfinden über den Aufwand bis hin zu den damit verbundenen Emotionen.

Für gut 70 Prozent der Unternehmen umfasst Bürokratie zum Beispiel auch privatwirtschaftliche Regulierungen, die sich aus Kunden- und Lieferanten-Beziehungen ergeben. - Foto: © ijeab/stock.adobe.com
Für gut 70 Prozent der Unternehmen umfasst Bürokratie zum Beispiel auch privatwirtschaftliche Regulierungen, die sich aus Kunden- und Lieferanten-Beziehungen ergeben. - Foto: © ijeab/stock.adobe.com

Immer häufiger fühlen sich Unternehmen laut der Studie nicht mehr in der Lage, alle bürokratischen Vorgaben zu erfüllen. Der Blick auf die individuelle Bürokratiewahrnehmung in der Industrie zeigt außerdem, dass Kleinstunternehmen bis neun Beschäftigte hauptsächlich zu den „Verdrossenen“ gehören, während sich mittelgroße Unternehmen (bis 499 Beschäftigte) eher als pragmatische Typen positionieren. Nicht ganz unerwartet ist das Ergebnis für die Großunternehmen. Sie sehen sich durch Bürokratie weitgehend unbelastet.

Die heute vorherrschende negative Bürokratiewahrnehmung spiegelt sich auch in der massiven Kritik wider. Rund 60 Prozent der befragten Unternehmen bemängeln laut IfM die Sinnhaftigkeit vieler Vorschriften und knapp 80 Prozent die Regulierungsdichte.

Da fast die Hälfte der Unternehmen meint, nicht mehr alle bürokratischen Erfordernisse erfüllen zu können, baut jeder vierte Betrieb autonom Bürokratie ab, indem nur noch die wichtigsten Vorschriften erfüllt werden. Die allzeit propagierten Vorteile der Bürokratie, wie Rechtssicherheit und Gleichbehandlung, werden dabei von Unternehmen oft nicht mehr wahrgenommen.

Studie zur Bürokratiewahrnehmung: Das Institut für Mittelstandsforschung ordnet deutsche Unternehmen in drei Gruppen ein. Über die Hälfte der Betriebe nimmt Bürokratie stark negativ wahr und zählt damit zu den „Verdrossenen“. Quelle: Befragung des IfM Bonn 2018 - Copyright:
Studie zur Bürokratiewahrnehmung: Das Institut für Mittelstandsforschung ordnet deutsche Unternehmen in drei Gruppen ein. Über die Hälfte der Betriebe nimmt Bürokratie stark negativ wahr und zählt damit zu den „Verdrossenen“. Quelle: Befragung des IfM Bonn 2018 - Copyright: © VCI

Unterschiedliches Verständnis

Ein entscheidendes Ergebnis der Studie ist das unterschiedliche Bürokratieverständnis von Politik und Wirtschaft. Die Politik definiert Bürokratie als Erfüllungsaufwand der gesetzlichen Vorgaben. Für gut 70 Prozent der Unternehmen umfasst Bürokratie aber zusätzlich auch halböffentliche Vorgaben von Verbänden, Normungsinstituten oder Berufsgenossenschaften sowie privatwirtschaftliche Regulierungen, die sich aus Kunden- und Lieferanten-Beziehungen ergeben.

Punktuelle und kleinteilige Entlastungsmaßnamen sind aus diesem Grund unzureichend, zumal die bürokratische Gesamtbelastung aus Unternehmersicht nicht zwingend aus den Gesetzen resultiert, sondern oft aus den jeweiligen Umsetzungsvorschriften und Verwaltungsverfahren.

Aus Sicht des VCI gilt es, den Bürokratiebegriff wieder positiv zu besetzen. Bürokratie bedeutet letztendlich Planungssicherheit und einen verlässlichen Rechtsrahmen. Der „große Wurf“ kann daher nur im Zusammenwirken von Politik, Verwaltung, Institutionen und Unternehmen gelingen. Letztere sind für dieses Bündnis bereit und wünschen sich mehr denn je, von der Politik „wahr- und ernstgenommen“ zu werden.

Dieser Artikel ist im chemie report 10/2019 erschienen.

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