Themenspaces Lebens-Raum, Denk-Werk und Zukunfts-Camp

„Wir, die chemische Industrie, sind die Ingenieure der Zukunft“

Lebens-Raum: Das Klima schützen, Denk-Werk: Kundenwünsche verstehen, Zukunfts-Camp: Das Morgen gestalten – darum ging es bei den Themenspaces am Nachmittag der VCI-Mitgliederversammlung 2019. Präsentiert wurden die Ergebnisse von drei Studien, die der Verband in Auftrag gegeben hatte. Sie sollen der Branche helfen, ihren Weg in die Zukunftzu finden.

Abstimmungsbedarf: Im Themenspace „Lebens-Raum“ gab sich die Mehrheit der Teilnehmer vorsichtig optimistisch, dass die deutsche Chemie bis 2050 auf dem Weg zur Treibhausgasneutralität weit kommen kann. - Foto: © VCI/Kreth
Abstimmungsbedarf: Im Themenspace „Lebens-Raum“ gab sich die Mehrheit der Teilnehmer vorsichtig optimistisch, dass die deutsche Chemie bis 2050 auf dem Weg zur Treibhausgasneutralität weit kommen kann. - Foto: © VCI/Kreth

Für den Themenspace „Lebens-Raum“ zum Thema Klimaschutz konnte der VCI Professor Barbara Praetorius als Hauptrednerin gewinnen, die Vorsitzende der Kohlekommission war. Sie gab dem Publikum einen Einblick in den aktuellen Forschungsstand bei der Erderwärmung. Mit Blick auf die ansteigende Temperaturkurve in den letzten 100 Jahren sagte sie: „Klimaschutz wird als Thema nicht mehr weggehen. Wenn wir heute nicht anfangen, Lösungen dafür zu entwickeln, wird es später zu viel höheren Folgekosten kommen.“ Gleichzeitig versuchte die Volkswirtin Sorgen zu beruhigen, dass die Wirtschaft unter ambitionierten Klimaschutzvorgaben zwangsläufig leiden werde. Die Kohlekommission habe die Situation energieintensiver Branchen in ihre Abschlussempfehlungen einfließen lassen. Praetorius stellte den anwesenden VCI-Mitgliedern gar geringere Stromkosten durch den Kohleausstieg in Aussicht. Das liege daran, dass erneuerbare Energien immer günstiger würden, was den Börsenstrompreis drücke.

Genau an diesem Punkt entbrannte die Debatte zwischen Publikum und den Experten auf dem Podium, zu denen auch Roland Geres gehörte. Der Geschäftsführer von FutureCamp stellte beim Themenspace die neue VCI-Klimastudie vor. Demnach sind niedrige Stromkosten auch notwendig, damit die chemische Industrie neue Prozesstechnologien entwickeln kann, um ihren Treibhausgasausstoß weiter zu reduzieren (siehe Titelthema dieses chemie reports). Geres nannte vier Handlungsfelder, die Voraussetzung für Treibhausgasneutralität seien: Neben der Entwicklung der eigentlichen Verfahren müsste der Chemie CO2-freier Strom in großen Mengen zur Verfügung stehen. Die Branche müsse ab Mitte der 2030er-Jahre stark in die Modernisierung des Anlagenparks investieren. Und es brauche alternative Rohstoffe für die Umstellung der größtenteils noch fossilen Rohstoffbasis.

Am Schluss durften die Chemievertreter im Publikum ihre Einschätzung abgeben. Auf die Frage, wie weit die Chemie auf dem Weg Richtung Treibhausgasneutralität kommen werde, zeigte sich die Mehrheit vorsichtig optimistisch.

Kundenwünsche verstehen

Im Themenspace „Denk-Werk“ lag der Schwerpunkt auf dem Aspekt „Kundenwünsche verstehen“. Eike Wenzel, ITZ-Institut für Trend- und Zukunftsforschung, fragte dafür in seiner Keynote: „Wie werden wir morgen leben?“ Seine Quintessenz: Eine vernünftige Antwort lasse sich nur mit Blick auf die Megatrends demografischer Wandel, Digitalisierung und Individualisierung finden. Schon lange ließen sich die Wünsche, Sehnsüchte und Befürchtungen der Menschen nicht mehr über die Analyse von (angeblich) einheitlichen Milieus und Zielgruppenmodellen erfassen. Lebensstile müssten vor allem im Zusammenhang mit Technologie-, Gesellschafts- und Konsumtrends betrachtet werden, um Aufschlüsse darüber zu geben, was Kunden in Zukunft umtreibt und fasziniert. Nach Auffassung Wenzels brauchen Unternehmen ein Frühwarnsystem, um die Wünsche ihrer Kunden rechtzeitig zu erkennen und damit auf die Zukunft vorbereitet zu sein.

Kundenwünsche verstehen – um dieses Thema und die dazugehörige Studie ging es im Themenspace „Denk-Werk“. - Foto:
Kundenwünsche verstehen – um dieses Thema und die dazugehörige Studie ging es im Themenspace „Denk-Werk“. - Foto: © VCI/Darchinger

Während Wenzel den theoretisch-wissenschaftlichen Überbau lieferte, ging es beim Impulsvortrag von Georg Wolters, Unternehmensberatung Santiago, ganz konkret um die Studie „Erwartungen der Abnehmerindustrien an die Chemieindustrie“. „Die Kunden der Branche stehen unter einem erheblichen Druck, den sie an die Chemie weitergeben“, sagte Wolters. Das spiegelt sich in ihren zehn zentralen Anforderungen an Deutschlands drittgrößten Industriezweig wider. Gefragt sei vor allem, dass die Chemie „stärker in Lösungen und vom Endkunden her denkt sowie Kreislaufwirtschaft ermöglicht“. Auch mehr Transparenz sollen die Unternehmen gewährleisten, Gefahrstoffe vermeiden und über neue Geschäftsmodelle nachdenken. „Künftiger Erfolg setzt die Bedienung dieser Anforderungen voraus“, machte Wolters abschließend deutlich.

Das Morgen gestalten

Wege in die Zukunft wurden im Themenspace „Zukunfts-Camp“ gesucht und diskutiert. - Foto:
Wege in die Zukunft wurden im Themenspace „Zukunfts-Camp“ gesucht und diskutiert. - Foto: © VCI/Bildschön
„Deutschland befindet sich in einem aufgewühlten seelischen Zustand. Vielen Menschen geht es zwar gut, aber sie erleben ihr Land als Insel des Wohlstands in einer Welt krisenhafter Umbrüche.“ Dieses Fazit zog Stephan Grünewald, rheingold-Institut, in seinem Vortrag „Wie tickt Deutschland?“ beim Themenspace „Zukunfts-Camp“. Aber der soziale Zusammenhalt schwinde, radikale Parteien seien auf dem Vormarsch. Immer mehr Bürger hätten das Gefühl, dass die Zukunft nur schlimmer werden könne. Die Deutschen seien mutloser geworden, konstatierte Grünewald und führte diese Mutlosigkeit auch auf Orientierungslosigkeit und mangelnde Wertschätzung zurück. So hätten die Menschen das Gefühl, die „Elite schaue auf sie herab. Aus dem Gefühl der Ohnmacht entsteht Wut“, erläuterte Deutschlands bekanntester Psychologe. Damit die Menschen wieder zuversichtlicher in die Zukunft blickten, sei eine Streitkultur auf Augenhöhe notwendig. Und statt des typisch deutschen Zweckpessimismus sprach sich Grünewald für einen „gesunden Optimismus aus, der Risiken abwägt und die Entschiedenheit wagt“.

Das Morgen gestalten, dies gilt nicht nur für die Gesellschaft, sondern auch für die chemische Industrie, erläuterte Johann-Peter Nickel in seinem Impuls zur Studie „Wege in die Zukunft – Weichenstellung für eine nachhaltige Entwicklung in der chemisch-pharmazeutischen Industrie“. Denn die Branche stehe vor elementaren Herausforderungen. Die Gründe dafür: tiefgreifende Umbrüche in Gesellschaft, Wirtschaft und Politik. Umso wichtiger sei es, so Nickel, dass die Chemieindustrie jetzt ihre Weichen für eine nachhaltige Zukunft stelle. Dazu müssten die Unternehmen Nachhaltigkeit als Chance begreifen, eine Innovationsoffensive starten und ihre Forschungsbudgets massiv ausbauen. Dass die Branche diese Herausforderungen bewältigen werde, machte VCI-Vizepräsident und Evonik-Chef Christian Kullmann deutlich: „Wir, die chemische Industrie, sind die Ingenieure der Zukunft.“

Dieser Artikel ist im chemie report 10/2019 erschienen.

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