PlasticsEurope Deutschland zu Meeresmüll und Verbotsplänen

Kunststoff im Kreuzfeuer der Kritik

Kunststoffeinträge in die Umwelt und der Umgang mit Abfällen sind in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt. Medienberichte über Meeresmüll und die vermeintlich mangelnde Recyclingfähigkeit von Kunststoffverpackungen befeuern die Diskussion. Dazu kommen ambitionierte Vorschläge der EU-Kommission. Ihre Kunststoffstrategie weist teilweise in die richtige Richtung, birgt aber auch Konfliktpotenzial.

Kunststoffmüll an einem Strand im indischen Mumbai. - Foto: © picture alliance/ZUMA Press
Kunststoffmüll an einem Strand im indischen Mumbai. - Foto: © picture alliance/ZUMA Press

Weitgehender Verzicht auf Plastiktüten, Kritik an Einweglösungen, Forderungen nach einer Steuer: Kunststoff ist zum großen Sündenbock geworden. Dabei steht der Werkstoff oft nur stellvertretend für Kritik an einer beobachteten Wegwerfmentalität und einem als übertrieben empfundenem Konsumverhalten. Nach wie vor sieht eine breite Mehrheit der Deutschen Kunststoffprodukte und die Kunststoffindustrie durchaus positiv, wie Umfragen belegen. Dennoch ist ein mögliches Vermeiden von Kunststoff(packmitteln) im Alltag in einigen Bevölkerungskreisen en vogue. Kritik am Gesellschaftsphänomen „Littering“ – dem acht- und rücksichtslosen Wegwerfen von Dingen in die Umwelt – mündet so in Fundamentalkritik am Werkstoff. Dabei wird Kunststoff genau das vorgeworfen, was eigentlich sein großes Plus ist: die lange Lebensdauer.

Verselbstständigt hat sich auch die Diskussion um den chinesischen Importstopp für gebrauchte Kunststoffe. Für China ging es darum, den Rohstoffhunger des Landes zu stillen, dargestellt wurde es hierzulande als Versuch der deutschen Seite, Müll billig loszuwerden. Doch das war falsch: Es handelte sich ganz überwiegend um gewerbliche Produktionsabfälle, die so zurück in den Herstellungskreislauf wanderten, nicht um den Inhalt gelber Säcke.

In dieser Gemengelage mit Bildern von Müll im Meer aus Asien, Dosen, Tüten, Flaschen an europäischen Straßenrändern und Meldungen über Mikroplastik in Gewässern hat sich die EU zum Handeln entschlossen. Um die Umwelt zu schützen und die Grundlage für eine neue und nachhaltige Kunststoffwirtschaft zu schaffen, hat die Kommission dieses Jahr eine Kunststoffstrategie verabschiedet. Bis 2030 sollen alle Kunststoffverpackungen in der EU recycelbar oder wiederverwendbar sein, der Verbrauch von Einwegkunststoffen soll reduziert und die Verwendung von Mikroplastik untersagt werden.

Nachhaltige Verpackungen

Die Oberziele der EU-Kunststoffstrategie, wie das Schonen natürlicher Ressourcen und Vermeiden von Treibhausgasemissionen, sind auch zentrale Anliegen der Kunststoffindustrie. In einem gemeinsamen Positionspapier (siehe „Mehr-zum-Thema"-Links unten) bezog die Branche jüngst Stellung: Die Verbände der Kunststoff-Wertschöpfungskette in Deutschland – Erzeuger, Verarbeiter und Maschinenbauer – haben sich darin zur unternehmerischen Verantwortung für Ressourcen- und Umweltschonung bekannt. Sie begrüßen den Vorschlag der EU-Kommission für mehr Dialog der betroffenen Akteure. Die Branche sieht aber im Verbot von Kunststoffprodukten einen Irrweg, da so kein wirkliches Verständnis für nachhaltigen Konsum und umweltbewusstes Verhalten geschaffen wird. Stattdessen wird das Ausweichen auf andere und ökologisch womöglich nachteiligere Materialien gefördert.

Das Paradebeispiel sind Kunststoffverpackungen, die in puncto Funktionalität, Sicherheit und Hygiene einen deutlichen Mehrwert liefern. Die sogenannte Denkstatt-Studie ermittelte vor einigen Jahren, was passieren würde, wenn es keine Kunststoffpackmittel gäbe. Dabei wurde angenommen, dass Folienverpackungen, Kunststoffbecher oder Schaumstoffe durch Alternativen aus anderen Materialien ersetzt werden. Das Ergebnis: Ohne Kunststoffverpackungen würde der Energieverbrauch in Europa um den Faktor 2,2 und die Menge an Treibhausgas um einen Faktor 2,7 pro Jahr steigen. Das entspricht den Emissionen von zusätzlichen 21 Millionen Autos auf Europas Straßen oder den gesamten CO2-Emissionen von Dänemark. Das kann niemand wollen.

Globales Problem Meeresmüll

Studien zufolge gelangen weltweit etwa 80 Prozent der Meeresabfälle vom Land ins Wasser. Acht Länder sind für fast zwei Drittel des Abfalls in den Weltmeeren verantwortlich. Einer der Gründe dafür: Weltweit haben Milliarden Menschen keinen Zugang zu kontrollierter Müllentsorgung, gerade auch in vielen asiatischen Ländern, die wiederum für einen Großteil des Kunststoffmülls in den Meeren verantwortlich sind. Daher braucht es weltumspannende Anstrengungen für ein besseres Abfallmanagement, an denen sich die Kunststofferzeuger beteiligen. Im März 2011 haben Kunststoffverbände aus aller Welt mit einer Deklaration Lösungen gegen Meeresmüll ins Rollen gebracht. 75 Organisationen aus 40 Ländern haben diese bereits unterzeichnet und rund 350 Projekte gestartet, darunter effektives Abfallmanagement zur effizienten Verwertung sowie die Schulung der Menschen vor Ort.

In Deutschland schärfen die Kunststofferzeuger etwa im Rahmen ihrer Schularbeit oder mit der Initiative „Gemeinsam für mehr Gewässerschutz“ in Kooperation mit Kanu-, Ruder-, Sporttaucher- und Seglerverbänden sowie der Messe Düsseldorf das Bewusstsein für einen schonenden Umgang mit Ressourcen. Dazu gibt es zahlreiche freiwillige Nachhaltigkeitsinitiativen in der Branche, darunter das bundesweite Rücknahmesystem für Agrarfolien ERDE oder die Fenster-Recycling-Initiative der Kunststoffprofilhersteller Rewindo. Seit 2013 engagieren sich zudem weltweit führende kunststofferzeugende Unternehmen und ihre Organisationen im „World Plastics Council“ für Maßnahmen zur Stärkung der Kreislaufwirtschaft und zur Bekämpfung von Meeresmüll. Auch bei den Beratungen der G7- und G20-Staatengemeinschaften zu Müll im Meer war PlasticsEurope beteiligt und brachte erste Erfahrungen und Ergebnisse aus den Projekten ein.

Tendenz steigend: In Europa werden 72,7 Prozent aller Kunststoffabfälle stofflich oder energetisch verwertet. Rund ein Drittel der Abfälle landete auf einer Deponie. In Deutschland beträgt die Verwertungsrate insgesamt 99,2 Prozent. (Quelle: Conversio) - Klick auf die Grafik vergrößert sie! - Grafik:
Tendenz steigend: In Europa werden 72,7 Prozent aller Kunststoffabfälle stofflich oder energetisch verwertet. Rund ein Drittel der Abfälle landete auf einer Deponie. In Deutschland beträgt die Verwertungsrate insgesamt 99,2 Prozent. (Quelle: Conversio) - Klick auf die Grafik vergrößert sie! - Grafik: © VCI

Während in Deutschland bereits 99 Prozent aller Post-Consumer-Kunststoffabfälle verwertet werden – rund 39 Prozent werkstofflich und 61 Prozent energetisch – muss es nun das Ziel sein, vor allem diejenigen Länder beim Aufbau von nachhaltigen Abfallwirtschaftsstrukturen zu unterstützen, die viel Nachholbedarf haben. Dabei wäre es wichtig, einen europaweiten Verzicht auf die Deponierung von Kunststoffabfällen durchzusetzen. 2016 wurden über 70 Prozent der verbrauchernahen Kunststoffabfälle stofflich oder energetisch verwertet. Das ist ein deutlicher Anstieg gegenüber den Vorjahren, allerdings endet noch immer fast ein Drittel der Abfälle auf einer Deponie. Die stoffliche und energetische Verwertung von Kunststoffen werden gleichermaßen benötigt, zusammen mit weiter zu fördernden rohstofflichen Verfahren, denn die Kombination aller Verwertungsarten ist der effizienteste Weg zur Kreislaufwirtschaft. PlasticsEurope steht bei diesen Punkten im engen Austausch mit Behörden und Institutionen. Denn Kunststoff ist viel mehr Teil der Lösung als Teil des Problems.

Kunststoffmüll wartet in einem Betrieb auf die Wiederverwertung. - Foto: © bvse


Gastbeitrag von Dr. Rüdiger Baunemann, Hauptgeschäftsführer bei PlasticsEurope Deutschland e. V.( ruediger.baunemann@plasticseurope.org )

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Dieser Artikel ist im chemie report 07+08/2018 erschienen.

Für Fragen und Anregungen nehmen Sie gerne Kontakt mit uns auf.

Ansprechpartner

Carolina Hupfer

E-Mail: carolina.hupfer@vci.de