chemie-report-Serie „Chemie 4.0 im Detail“ – Teil 2

Künstliche Intelligenz weltweit auf dem Vormarsch

Digitalisierung ist neben zirkulärer Wirtschaft das zweite große Thema, das die chemisch-pharmazeutische Industrie in den kommenden Jahren prägen wird. Es ist gleichzeitig das Dach für eine Reihe von Unterthemen, zu denen auch „künstliche Intelligenz“ zählt. Teil 2 der chemie-report-Serie „Chemie 4.0 im Detail“ schildert verschiedene Einsatzmöglichkeiten von künstlicher Intelligenz in der Industrie, die Mitte März auf einer Konferenz vorgestellt wurden.

Handelsblatt-Tagung „Künstliche Intelligenz" - „Möglichkeiten, an die vor 30 Jahren noch nicht zu denken war" - Foto: © EUROFORUM Deutschland GmbH
Handelsblatt-Tagung „Künstliche Intelligenz" - „Möglichkeiten, an die vor 30 Jahren noch nicht zu denken war" - Foto: © EUROFORUM Deutschland GmbH

Der Begriff klingt noch nicht wirklich vertraut. „Künstliche Intelligenz“ (KI) hat aber das Potenzial, die Wirtschaft und die Industrie grundlegend zu verändern. Gleichzeitig nutzen viele Menschen schon heute KI-Anwendungen, ohne es zu wissen. Das wurde auf einer Fachtagung des Handelsblatts in München deutlich. Hier stellten deutsche Unternehmen wie Daimler, Volkswagen oder Siemens ihre KI-Aktivitäten vor. Außerdem kamen Vertreter von Technologiefirmen, Forscher und Politiker zu Wort.

Kann man Robotern in Zukunft erklären, was sie tun sollen? - Foto:
Kann man Robotern in Zukunft erklären, was sie tun sollen? - Foto: © Thorsten Jochim
Prof. Jürgen Schmidhuber vom Schweizer Forschungsinstitut für KI (IDSIA) erklärte zum Beispiel die Arbeitsweise des Algorithmus „Long Short-Term Memory“. Diese Anwendung habe in den vergangenen Jahrzehnten an vielen Trainingsbeispielen gelernt, gesprochene Worte zu erkennen. Heute sorgt sie daher auf zahlreichen Smartphones für die Spracherkennung. Schmidhuber forscht seit 1987 am Thema KI. Er kann sich Roboter vorstellen, die man künftig nicht mehr programmieren muss, sondern denen man erklären und zeigen kann, wie sie etwas zusammenbauen oder machen sollen. Deutschland könne auf diesem Feld vorangehen. Schmidhuber sagte: „Meiner Meinung nach ist kein anderes Land so gut geeignet, die Robotik und die Mustererkennung zusammenzuführen.“

In der Industrie angekommen

So weit ist es aber noch nicht. Martin Hofmann, der als CIO die IT bei Volkswagen leitet, resümierte etwa: „Wir haben keine KI-Strategie. Dafür ist die Technik zu neu. Wir lernen stattdessen, was sie kann.“ Er kann sich KI-Systeme vorstellen, die Mitarbeiter bei ihrer Tätigkeit unterstützen. Entsprechende Pilotprojekte laufen bei Volkswagen zum Beispiel in der Produktion, im Vertrieb, im Einkauf oder im Finanzwesen.

Der Daimler-Konzern möchte mit KI die Produktion und andere Prozesse im Unternehmen optimieren. Außerdem könne es helfen, neue Technologien wie das autonome Fahren voranzubringen. Steven Peters und Frank Ruff aus dem Bereich Konzernforschung sagten, dass künftig alle Daimler-Ingenieure befähigt werden sollen, mit KI zu arbeiten. Laut Peters ist dies „ein ganz zentrales Werkzeug, um die Mobilität der Zukunft voranzutreiben“.

Die „KI-Strategie von Siemens“ stellte Norbert Gaus, Siemens-Konzernforschung, vor. Mit einem Betriebssystem für Industrieanlagen möchte sein Unternehmen Maschinen in verschiedensten Branchen vernetzen und steuern. Gaus sagte: „Ich bin mir sicher, dass solche Lösungen zunehmend im Industrieumfeld genutzt werden. Wir müssen dafür das Domänenwissen systematisieren und mit den Sensoren im industriellen Umfeld zusammenbringen.“ Schon heute käme intelligente Steuerungstechnik zum Einsatz, um etwa in großen Windparks die Windmühlen so auszurichten, dass sie sich nicht gegenseitig den Wind wegnehmen.

China möchte Technologieführer werden

Auch international ist bei KI einiges im Gang. So hat etwa Google mit „AI first“ seine Konzernstrategie voll auf das Thema ausgerichtet, während unter anderem der US-Unternehmer Elon Musk vor künstlicher Intelligenz als „existenzieller Bedrohung“ für die Menschheit warnt. Die Aktivitäten sind nicht auf das Silicon Valley beschränkt.

Feiyu Xu, die das Thema KI beim chinesischen Computerkonzern Lenovo betreut, schilderte, wie stark China die Technologie zum Wohle der eigenen Wirtschaft vorantreibt. Das Land strebe die weltweite Technologieführerschaft an. Dazu seien vier nationale KI-Innovationsplattformen gegründet worden, in denen chinesische Tech-Firmen mit staatlicher Unterstützung zu den Themen „National Medical Image“, „National Self-Driving“, „National City Brain“ und „National Smart Voice“ forschen. Auf diese Weise baue China ein KI-Ökosystem auf, in dem Forscher und Universitäten zusammenarbeiten, wie es in Deutschland bereits existiere.

Xu hatte nach eigenen Angaben rund zwei Jahrzehnte am Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) gearbeitet, bevor sie zu Lenovo wechselte. Dieses Institut wurde während der Konferenz von verschiedenen Rednern erwähnt. Der Abteilungsleiter für Schlüsseltechnologien im Bundesforschungsministerium, Wolf-Dieter Lukas, lobte etwa: „Wir verfügen in Deutschland mit dem DFKI über das weltweit größte KI-Institut mit mehr als 900 Wissenschaftlern an sechs Standorten mit einem besonderen Fokus auf Transfer und Anwendung von KI-Methoden.“ Die Technik stehe heute vor Möglichkeiten, an die vor 30 Jahren bei Gründung des Instituts noch nicht zu denken war. Deutschland dürfe seinen Vorsprung nicht verspielen, so Lukas: „Wir müssen den Menschen sagen, wo die Vorteile von künstlicher Intelligenz und Digitalisierung liegen, dann werden wir Zustimmung bekommen.“

Zum eigenen KI-Projekt

KI macht realitätsnahe Simulationen möglich - Foto:
KI macht realitätsnahe Simulationen möglich - Foto: © Thorsten Jochim
Wie aber können Unternehmen KI für ihre eigenen Prozesse nutzen? Oliver Gluth von Hyve Innovation Research riet dazu, nicht mit überzogenen Erwartungen an Projekte heranzugehen. Manche Kunden hätten Google oder Facebook als Vorbilder, obwohl ihr Geschäft mit diesen Unternehmen nicht vergleichbar sei. Volker Darius von Capgemini Consulting schilderte verschiedene Einsatzmöglichkeiten für KI-Systeme, zum Beispiel automatische Fehlererkennung in der Fabrikfertigung oder Programme für Lieferprognosen und Qualitätsmanagement. Vorausschauende Wartung für Industrieanlagen (Predictive Maintenance) oder Chatbots, mit denen Kunden ihre Adressdaten selbstständig aktualisieren können, nannte er ebenfalls. Die Potenziale seien von Branche zu Branche unterschiedlich. Sie haben aber laut Darius immer eine Gemeinsamkeit: „Unternehmen, die KI nutzen möchten, müssen zulassen, dass etwas mit den vorhandenen Daten gemacht wird.“


Dieser Artikel ist im chemie report 04/2018 erschienen.

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