Konferenzbericht

Von Digitalisierung, Kohlenstoff und Schleusen

Die chemisch-pharmazeutische Industrie wird weiterhin, aber nicht nur von der zunehmenden Digitalisierung gefordert. Auf der 20. Handelsblatt Jahrestagung Chemie in Düsseldorf ging es Anfang April auch um die Themen „Zirkuläre Wirtschaft und alternative Rohstoffe“ sowie um „Infrastruktur als Element für eine funktionierende Volkswirtschaft“.

Kohlenstoff ist ein grundlegendes Element für die Chemieindustrie. VCI-Experte Jörg Rothermel sprach auf der Handelsblatt Jahrestagung Chemie in Düsseldorf über Möglichkeiten für Kohlenstoffkreisläufe. - Foto: © Euroforum/Fotograf: Willi Nothers
Kohlenstoff ist ein grundlegendes Element für die Chemieindustrie. VCI-Experte Jörg Rothermel sprach auf der Handelsblatt Jahrestagung Chemie in Düsseldorf über Möglichkeiten für Kohlenstoffkreisläufe. - Foto: © Euroforum/Fotograf: Willi Nothers

„Die Chemieindustrie hat im Zuge der Digitalisierung wichtige Schritte in Richtung Effizienzsteigerung und Marktdurchdringung unternommen. Es besteht allerdings noch eine Diskrepanz zwischen der erwarteten Revolution und dem tatsächlichen Umsetzungsfortschritt.“ Dieses Fazit zog Frank Jenner von Ernst & Young, als er in Düsseldorf Umfrageergebnisse zum Stand der Digitalisierung und weiteren Vorgehen der Branche vorstellte. Dabei bescheinigten jeweils rund zwei Drittel der Befragten, dass die Digitalisierung großen Einfluss auf das Vertriebs- und Ordermanagement, den Kundenservice und die Logistik haben werde. Nur ein Viertel meldet in diesen Feldern aber derzeit schon einen weiten oder sehr weiten Fortschritt bei der Umsetzung. Ein Grund dafür sei Fachkräfteknappheit, so Jenner. 53 Prozent der Befragten hatten bei der Umfrage angegeben, dass es zu wenig qualifiziertes Personal für Digitalisierungsthemen gebe. Er riet den Unternehmen dennoch, nicht in ihren Bemühungen nachzulassen. Insbesondere die Frage, ob Chemikalien in Zukunft eher über Metaplattformen im Internet, über Online-Marktplätze oder über eigene Webshops vertrieben werden, sei momentan noch offen.

Rohstoffbasis der Zukunft

Über Kohlenstoffkreisläufe in der chemischen Industrie sprach Jörg Rothermel, Leiter der Abteilung „Klimaschutz, Energie und Rohstoffe“ im VCI. Kohlenstoff sei ein grundlegendes Element für die industrielle Chemie. Eine Dekarbonisierung – wie es als Schlagwort in der klimapolitischen Debatte oft gebraucht werde – könne daher für die chemische Produktion im wörtlichen Sinne nicht realisiert werden. Die organische Chemieproduktion baut auf Kohlenstoffverbindungen auf. Wichtigste Rohstoffquelle dafür ist derzeit mit einem Bedarf von über 15 Millionen Tonnen pro Jahr zu 74 Prozent das Erdölderivat Naphtha. Auf nachwachsende Rohstoffe und Erdgas entfällt zu etwa gleichen Teilen das restliche Viertel von gut 5 Millionen Tonnen.

Kohlenstoff im Kreislauf führen

Wie Rothermel ausführte, kann die deutsche Chemie auf eine erfolgreiche Bilanz bei der Reduzierung von Treibhausgasen verweisen: Im Vergleich zu 1990 ist die Produktion bis heute um knapp 70 Prozent gestiegen, die Emissionen haben sich gleichzeitig fast halbiert. Bis hin zur Treibhausgasneutralität sei es aber noch ein langer Weg für die Branche. Grundlage für dieses Ziel sei die stärkere Kreislaufführung des Kohlenstoffs und die Nutzung alternativer Quellen für das Element, so Rothermel. Dabei werden sukzessive ein direktes Recycling von Polymeren – mechanisch und chemisch – und die Mehrfachnutzung eine immer größere Rolle spielen.

CO² als Rohstoff in der Schaumstoffproduktion: Cristoph Sievering, Covestro, schilderte, welche Innovationen und Investitionen nötig sind, um die Wertschöpfungskette der Branche auf zirkuläre Wirtschaft umzustellen. - Foto: © Covestro

Im Rahmen der Sektorkopplung (Nutzung von Wind- und Solarstrom aus der Energiewirtschaft für Verkehr, Wärme und Industrie) rückt in der Chemie auch die Verwendung von CO2 als Kohlenstoffquelle in den Blickpunkt. Der zur Umsetzung benötigte Wasserstoff könnte durch Elektrolyse mit erneuerbarem Strom gewonnen werden. Dabei geht es aber rein rechnerisch um gigantische Größenordnungen, machte Rothermel klar: 600 Terawattstunden (TWh) „grüner“ Strom wären nötig, um 12 Millionen Tonnen regenerativen Wasserstoff zu erzeugen. Dieser müsste mit rund 65 Millionen Tonnen CO2 aus der Luft umgesetzt werden, um die heutige Rohstoffbasis an Grundchemikalien zu produzieren. Zum Vergleich: 2017 belief sich der Nettostromverbrauch aller Verbraucher in ganz Deutschland auf 570 TWh.

Infrastruktur ertüchtigen

Die Handelsblatt Jahrestagung Chemie zeigte beim dritten großen Thema: Politik und Wirtschaft sind sich einig, dass die Infrastruktur in Deutschland dringend ertüchtigt werden muss. Denn sie ist ein wesentliches Element für eine funktionierende Volkswirtschaft. Gerd Deimel, Geschäftsführer von c2i, machte deutlich, welche kostspieligen Folgen Staus und Sperrungen für eine Volkswirtschaft haben: Allein die dreimonatige Sperrung der Leverkusener Rheinbrücke für den Lkw-Verkehr verursachte demnach einen wirtschaftlichen Schaden von rund 240 Millionen Euro. Und nach Schätzungen des Instituts für Weltwirtschaft sank der Wert der deutschen Infrastruktur von 2007 bis 2017 von 960 Milliarden Euro auf etwa 925 Milliarden Euro. Dabei stehen die Verkehrsträger Schiene, Straße und Binnenwasserwege vor großen Herausforderungen: Der gesamte Güterverkehr wird im Zeitraum von 2010 bis 2030 um 38 Prozent (Tonnenkilometer) zunehmen. Die Bahn wird mit 43 Prozent den stärksten Zuwachs bei der Verkehrsleistung haben, gefolgt vom Lkw mit 39 Prozent. „Die heutige Infrastruktur ist nicht in der Lage, diese Steigerungen zu bewältigen“, warnte Deimel, der auch Sprecher des Aktionsbündnisses Verkehrsinfrastruktur im VCI-Landesverband NRW ist. Dem pflichtete auch Logistik-Fachmann Stefan Bartens, BASF, bei und erwartet, dass der Güterverkehr auch künftig gewährleistet sein muss.

Massive Investitionen nötig

Gerade für die chemische Industrie, eine der transportintensivsten Branchen in Deutschland, sind gut ausgebaute Straßen, Schienen und Wasserwege notwendig, um die Rohstoffversorgung zu sichern und Kunden beliefern zu können. Ein wichtiger Aspekt ist nach Auffassung von Deimel und Bartens, so rasch wie möglich ein zusammenhängendes Netz zu schaffen, auf dem 740 Meter lange Züge fahren können.

Alte Schleusen wie am Wesel-Datteln-Kanal in Nordrhein-Westfalen erschweren der Branche den Gütertransport. Nicht nur hier sind große Investitionen nötig, wie sich beim Thema „Infrastruktur
Alte Schleusen wie am Wesel-Datteln-Kanal in Nordrhein-Westfalen erschweren der Branche den Gütertransport. Nicht nur hier sind große Investitionen nötig, wie sich beim Thema „Infrastruktur" zeigte. - Foto: © picture alliance/ImageBROKER
Auch das westdeutsche Kanalnetz mit seinen defekten Schleusen müsse dringend saniert werden. „Marode Schleusen halbieren die Wirtschaftskraft“, betonte Logistik-Experte Deimel. So musste beispielsweise der Wesel-Datteln-Kanal aufgrund der schlechten Infrastruktur starke Mengenrückgänge hinnehmen. Zügig in Angriff genommen werden sollte auch die Abladeoptimierung am Mittel- und Niederrhein.

Arndt Klocke, Landtagsabgeordneter von Bündnis 90/Die Grünen in Nordrhein-Westfalen, sieht die Politik in der Pflicht, gemeinsam mit der Industrie, neue Mobilitätswege voranzutreiben: „Die Industrie braucht zuverlässige Partner. Gleichzeitig ist mehr Mut und Durchsetzungswille in der Politik notwendig.“






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Dieser Artikel ist im chemie report 5/2019 erschienen.

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Dipl.-Pol. Oliver Claas

E-Mail: claas@vci.de

Monika von Zedlitz

E-Mail: zedlitz@vci.de

Stud. Ass. Manfred Ritz

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