VCI-Mittagslunch im Brüssel am 11. Januar 2018

Chemie 4.0 - Wenn Wettbewerb und Nachhaltigkeit sich zu Innovation verbinden

Experten aus der Brüsseler Politik setzten sich auf Einladung des VCI mit dessen Studie zur Ära Chemie 4.0 auseinander. Die beiden Gastreferenten, Europaparlamentarier Reinhard Bütikofer und Gwenole Cozigou von der Europäischen Kommission, bestätigten die zentralen Ergebnisse der Studie. Fazit: Digitalisierung und zirkuläre Wirtschaft sind Megatrends, aber Wirtschaft und Politik haben noch einiges zu tun, um deren Chancen wirklich ausschöpfen zu können.

Rund 30 Teilnehmer aus der Brüsseler Politikszene diskutierten mit dem VCI die Ergebnisse der Studie zur Ära Chemie 4.0 zu Digitalisierung und zirkulärer Wirtschaft. - Podium von links: Reinhard Bütikofer, Utz Tillmann, Gwenole Cozigou - Foto: © VCI/Bernal Revert
Rund 30 Teilnehmer aus der Brüsseler Politikszene diskutierten mit dem VCI die Ergebnisse der Studie zur Ära Chemie 4.0 zu Digitalisierung und zirkulärer Wirtschaft. - Podium von links: Reinhard Bütikofer, Utz Tillmann, Gwenole Cozigou - Foto: © VCI/Bernal Revert

Beim VCI-Mittagslunch Mitte Januar in Brüssel diskutierten Utz Tillmann, Hauptgeschäftsführer des Chemieverbandes, Reinhard Bütikofer, MdEP und Vorsitzender der Europäischen Grünen Partei, Gwenole Cozigou von der Europäischen Kommission, dort Direktor für industriellen Wandel und moderne Wertschöpfungsketten in der Generaldirektion GROW (Binnenmarkt, Industrie, Unternehmertum und KMU), sowie 30 weitere Fachexperten aus dem Brüsseler Politikraum die Ergebnisse der VCI-Studie „Chemie 4.0 - Wachstum durch Innovation in einer Welt im Umbruch“.

Gegenstand der Diskussion: die VCI-Deloitte Studie zu Chemie 4.0 mit den Themen Digitalisierung, zirkluläre Wirtschaft und Nachhaltigkeit - Foto:
Gegenstand der Diskussion: die VCI-Deloitte Studie zu Chemie 4.0 mit den Themen Digitalisierung, zirkluläre Wirtschaft und Nachhaltigkeit - Foto: © VCI/Bernal Revert

VCI-Hauptgeschäftsführer Utz Tillmann (Mitte) - Foto.
VCI-Hauptgeschäftsführer Utz Tillmann (Mitte) - Foto. © VCI/Bernal Revert
Tillmann verdeutlichte in seiner Präsentation der Studie, dass Digitalisierung und zirkuläre Wirtschaft der chemisch-pharmazeutischen Industrie helfen würden, sich nachhaltiger aufzustellen. Im Vordergrund stünden dabei einerseits die Frage, wie die Geschäftsmodelle der Chemie um (digitale) Dienstleistungen ergänzt werden können, und zum anderen, wie auf den diversen Stufen der Wertschöpfung unterschiedliche Kreisläufe geschlossen werden können.

Tillmann betonte „Recycling ist kein Selbstzweck. Wir brauchen auch ein ‚Design for Performance‘, um ein wahres ‚Design for Sustainability‘ zu erhalten“.

Gwenole Cozigou, Europäische Kommission - Foto: © VCI/Bernal Revert

Cozigou griff die Punkte der Studie direkt auf: Klimaerwärmung, Ressourcenschutz und Digitalisierung würden unser Leben verändern. „Nach der Krise ist allen klar, dass Industrie wichtig ist“. Daher habe sich die Europäische Kommission sechs industriepolitische Prioritäten gesetzt:

  1. Binnenmarkt verstärken,
  2. Digitalisierung,
  3. „Clean and smart“
  4. Nachhaltige Finanzierung,
  5. Innovation und
  6. Globaler Markt und Wettbewerbsfähigkeit.

Unter den Bereich „Clean and Smart“ fasse die Kommission auch das Thema Kreislaufwirtschaft. Cozigou betonte „Kreislaufwirtschaft ist auch für die Wirtschaft gut. Die Funktionalität muss bleiben, der Fokus sollte nicht nur auf der Umwelt liegen“. Wie auch in der Studie gezeigt, sah Cozigou Chancen in der stärkeren Vernetzung verschiedener Sektoren und Partner: „Abfall des einen kann Ressource für den anderen sein“. Schlussendlich stimmte Cozigou mit dem Hauptgeschäftsführer des VCI überein „Chemie ist nicht nur Teil des Problems, sondern auch Teil der Lösung“.

Reinhard Bütikofer, MdEP - Foto: © VCI/Bernal Revert

Bütikofer betonte in seinem Statement, dass endlich alle erkennen müssen, dass eine echte europäische Industriepolitik vonnöten ist. Jamaika habe gezeigt, dass das noch nicht überall angekommen sei. Die Konkurrenz aus China müsse ernst genommen werden, die deutsche Chemie stehe heute mit China im Innovationswettlauf. Bütikofer erklärte, was für ihn Innovation bedeutet: „Innovation bedeutet Verbindung zwischen Wettbewerb und Nachhaltigkeit. Digitalisierung, Ökologie und Soziales sind die drei Dimensionen des Innovationsdreiecks, die gestaltet werden müssen“.

Hinsichtlich der Herausforderungen, auch legislativer Natur, für die Digitalisierung nutzte Bütikofer ein Bild: Auf einer horizontalen Skala gesellschaftlicher Akzeptanz, die von der Atomenergie mit niedrigsten Werten bis zu den erneuerbaren Energien mit höchsten Werten reiche, stehe die Digitalisierung heute eher auf der Seite der erneuerbaren Energien: „Aber das ist nicht für die Zukunft gesichert. Blockaden können entstehen“. Er betonte insbesondere das Dilemma, in dem sich die Politik beim Thema Cyber Security befinde: Auf der einen Seite seien hier hohe Standards nötig, auf der anderen Seite könne Regulierung in diesem Bereich Geschäftsmodelle verhindern. Vor allem der Mittelstand habe ein Problem mit der Digitalisierung wegen der offenen Fragen in der Cyber Security: „Wir brauchen eine regulatorische Klärung der Frage, um den Mittelstand mit an Bord zu holen“. Bütikofer betonte auch die Wichtigkeit von Datenschutz und Weiterbildung bei der Digitalisierung, um Akzeptanz für sie zu schaffen und die Qualifikation der Arbeitnehmerschaft zu sichern.

Reinhard Bütikofer MdEP - Foto:
Reinhard Bütikofer MdEP - Foto: © VCI/Bernal Revert
Auch die Frage europäischer Standards bei der Digitalisierung wurde diskutiert. Bütikofer zeigte auf: „Standards bei Digitalisierung sind wichtig. Ich warte nicht gerne darauf, dass Standards von außen kommen. Es muss verhindert werden, dass chinesische Standards gesetzt werden, nur weil Europa sich nicht einigen kann“. Herr Cozigou bekräftigte dies: „Wer der erste ist, Standards zu setzen, hat Einfluss darauf, wie andere arbeiten. Aber Innovationen dürfen nicht durch neue Regulierung erstickt werden“.

Zur Frage der Abwägung zwischen „Design for Performance“ und „Design for Recycling“, die in der Diskussion aufgegriffen wurde, sagte Bütikofer: „Das Ökodesign-Instrumentarium ist nicht die alleinige Möglichkeit. Für bestimmte Zwecke sind auch marktwirtschaftliche Instrumente, zum Beispiel ein CO2-Preis, möglich. Ökodesign darf nicht überladen werden.

Gwenole Cozigou - Foto:
Gwenole Cozigou - Foto: © VCI/Bernal Revert
Cozigou betonte: „Um abzuwägen, ob die Priorität bei ‚Design for Recycling‘ oder bei ‚Design for Performance‘ liegt, ist ein Blick auf einzelne Produkte notwendig; eine horizontale Betrachtung ist nicht möglich“.

Rund 30 Teilnehmer kamen zum MIttagslunch des VCI am 11. Januar 2018 in Brüssel. - Foto. © VCI/Bernal Revert

Auch innovative Technologien wie die Batterietechnik für E-Motoren kamen zur Sprache. Es zeigte sich, dass Cozigou und Bütikofer die Entwicklung hier unterschiedlich einschätzen: Cozigou verwies darauf, dass solche Batterien derzeit in Asien produziert werden. Um dies zu ändern, habe die Kommission eine Initiative gegründet, die Vertreter der gesamten Wertschöpfungskette umfasse. Die Initiative beschäftige sich mit der Frage, wie in der EU Produktionsanlagen und Know how etabliert werden könnten. Bütikofer vertrat die Ansicht, dass die Automobilhersteller kein Interesse an der Batterieproduktion in Europa hätten. Der Grund: In China würden Subventionen nur gezahlt, wenn die chinesischen Batterien verbaut sind. Da der chinesische Markt sehr groß sei, mache eine Batterieproduktion in Europa wenig Sinn.

Die Veranstaltung in Brüssel bot auch am Rande noch reichlich Gelegenheit zur Diskussion. - Foto: © VCI/Bernal Revert

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