Thementag zur VCI-Prognos-Studie „Chemie 2030“

Wie sieht die Zukunft der chemischen Industrie aus?

Die Chemie wird bis zum Jahr 2030 ein globaler Wachstumsmarkt bleiben. Dabei verlangsamt sich das Wachstum aber im Vergleich zu der Langzeitprognose, die der VCI im Jahr 2012 vorgelegt hatte. Das Update der Studie „Die deutsche chemische Industrie 2030“ diskutierte der Verband Anfang Juli mit seinen Mitgliedsunternehmen bei einem Thementag in Frankfurt am Main.

Über 70 Teilnehmer aus den Mitgliedsunternehmen des VCI waren am 6. Juli 2016 der Einladung des Verbandes zum Thementag zur Zukunft der chemischen Industrie gefolgt. - Foto: © VCI/Fuest
Über 70 Teilnehmer aus den Mitgliedsunternehmen des VCI waren am 6. Juli 2016 der Einladung des Verbandes zum Thementag zur Zukunft der chemischen Industrie gefolgt. - Foto: © VCI/Fuest

Johann-Peter Nickel, Geschäftsführer Wirtschaft, Finanzen und IT beim VCI, begrüßte die Gäste in Frankfurt und fasste die Lage mit einem Wort von Karl Valentin zusammen: „Die Zukunft war schon mal besser.
Johann-Peter Nickel, Geschäftsführer Wirtschaft, Finanzen und IT beim VCI, begrüßte die Gäste in Frankfurt und fasste die Lage mit einem Wort von Karl Valentin zusammen: „Die Zukunft war schon mal besser.". - Foto: © VCI/Fuest
Möchte man mehr über die zukünftige Entwicklung der Wirtschaft wissen, hilft ein Blick in die Glaskugel nicht weiter. Eine fundierte Prognose auf Basis eines wirtschaftlichen Modells hingegen schon, wie sie der VCI vor vier Jahren gemeinsam mit dem Wirtschaftsforschungsinstitut Prognos erarbeitet hatte. Inzwischen haben beide Partner ein Zahlenupdate veröffentlicht, da sich die Ausgangsbedingungen stark gewandelt haben.

Nicht nur der Wachstumsmotor China ist seit 2012 ins Stottern geraten. Große Volkswirtschaften wie Brasilien und Russland befinden sich in einer Rezession. Die Europäische Union ist mit einem massiven Zustrom von Flüchtlingen konfrontiert. Die Schuldenkrise in Griechenland ist noch nicht ausgestanden. Eine neuere Entwicklung ist, dass Italiens Banken die Insolvenz droht. Und als wäre das noch nicht genug, haben die Briten Ende Juni beim Brexit-Referendum für einen Austritt ihres Landes aus der EU gestimmt.

Fundierte Prognose

Dr. Peter Westerheide, Chief Economist der BASF SE - Foto:
Dr. Peter Westerheide, Chief Economist der BASF SE - Foto: © VCI/Fuest
„Dennoch ist das Studienmodell aussagekräftig“, sagte BASF-Chefökonom Peter Westerheide beim Thementag zu den 73 Teilnehmern. Zu den aktuellen Entwicklungen kommen nämlich stabile Trends, die die Weltwirtschaft langfristig beeinflussen. Dadurch werden wahrscheinliche Entwicklungen sichtbar.

Ein zentraler Trend ist das weltweite Bevölkerungswachstum bis 2030. Dadurch werden die globale Nachfrage nach Nahrung, Gütern und Dienstleistungen, aber auch das Angebot an Arbeitskräften steigen. Das Bevölkerungswachstum entfällt zu 90 Prozent auf Afrika und Asien, während es in den Industrieländern stagniert und die Gesellschaften dort rasch altern. Jede Region steht durch die Demographie vor eigenen Herausforderungen. China spielt jedoch eine herausgehobene Rolle für die Weltwirtschaft. Hier werden 60 Prozent des Wachstums im Bereich Industrieproduktion bis 2030 stattfinden. „Das ist über Jahre hinweg die entscheidende Stellgröße. Wenn es in China nicht läuft, werden wir anderswo kein Industriewachstum hinbekommen“, schlussfolgerte Westerheide.

Axel D. Angermann, Chefvolkswirt bei der FERI-Gruppe - Foto:
Axel D. Angermann, Chefvolkswirt bei der FERI-Gruppe - Foto: © VCI/Fuest
Axel Angermann, Feri-Gruppe, stimmte in seinem Vortrag zu. Er schilderte die Entwicklung Chinas von einem Retter der Weltwirtschaft in den Jahren 2009 und 2010 zu einem Sorgenkind. Sein Fazit: „Es ist nur eine Frage der Zeit, wann die nächste Unsicherheitswelle aus China kommt.“ Gründe dafür sind verschiedene Probleme, die der Umbau des chinesischen Wirtschaftssystems mit sich bringt – allen voran die wachsende Staatsverschuldung. Angermann: „Verschuldung kann nicht mit mehr Verschuldung behoben werden. China findet hier zwar Vorbilder in den Industriestaaten. Aber ein solches Vorgehen ist nicht nachhaltig.“

Wachstumsmarkt Chemie

Dr. Henrik Meincke, Chefvolkswirt des VCI - Foto:
Dr. Henrik Meincke, Chefvolkswirt des VCI - Foto: © VCI/Fuest
VCI-Chefvolkswirt Henrik Meincke ging seinerseits auf die aktualisierte VCI-Prognose zur Entwicklung der Chemie bis 2030 ein. Demnach bietet der weltweite Chemiemarkt mit seiner Dynamik zahlreiche Chancen für die deutsche Chemie. Grundvoraussetzung ist aber, dass die energiepolitischen Rahmenbedingungen in Deutschland und Europa die Wettbewerbsfähigkeit der Branche nicht weiter schwächen. Der Wettbewerb wird im Prognosezeitraum an Intensität zunehmen. „Deshalb muss die Branche ihre Produktion in Zukunft noch stärker als bisher auf forschungsintensive Spezialchemikalien und Pharmazeutika ausrichten, um ihren Wettbewerbsvorteil zu halten und auszubauen“, so Meincke. Nach den neuen Berechnungen wächst die deutsche Chemieproduktion im Prognosezeitraum um 1,5 Prozent pro Jahr.

Dieter Schnepel, Managang Director der DOW Anlagengesellschaft GmbH
Dieter Schnepel, Managang Director der DOW Anlagengesellschaft GmbH © VCI/Fuest
Dass große Teile der chemisch-pharmazeutischen Industrie bei der Energiepolitik unter großem Druck stehen, zeigte der Vortrag von Dieter Schnepel, DOW Anlagengesellschaft. Auf der Grundlage von Steinsalz wird bei DOW in Stade im Elektrolyseverfahren Chlor, Wasserstoff und Natronlauge gewonnen. Die Stoffe dienen als Ausgangsbasis für zahlreiche Anwendungen. „Die Gewinnung ist sehr energieintensiv und zeigt, warum wir Bestandsschutz für energieintensive Industrien brauchen“, sagte Schnepel. Salz sei ein Rohstoff, der hierzulande in großer Reinheit und nahezu unbegrenzt zur Verfügung stehe. Das solle Deutschland als rohstoffarmes Land bei der Energiewende nicht aufs Spiel setzen.

Ölpreis wird wieder steigen

Besondere Aufmerksamkeit bei einer Langzeitprognose gilt den Rohstoffpreisen. Anders als von vielen Experten erwartet, wird es laut Studienupdate im Prognosezeitraum keinen Engpass bei Energie und Rohstoffen geben. Rohöl bleibt demnach bis 2030 zwar deutlich günstiger als noch 2012 angenommen, wodurch die Wettbewerbsfähigkeit der Chemie und das Wachstum Europas insgesamt gestärkt werden. Nach dem rapiden Verfall der Ölpreise in den vergangenen zwei Jahren werden diese aber mittelfristig wieder steigen.

Dr. Ruprecht Brandis, Director External Affairs Deutschland der BP Europa SE
Dr. Ruprecht Brandis, Director External Affairs Deutschland der BP Europa SE © VCI/Fuest
Mit dieser Entwicklung rechnete auch Ruprecht Brandis, BP Europa, in seinem Vortrag: „Der Ölpreis ist und bleibt volatil. Das zeigt ein Blick auf die Entwicklung der Preise von 1973 bis heute.“ Brandis sah die Welt in einer Phase des Umbruchs beim globalen Energiesystem. Diese weltweite Energiewende werde das Chemiegeschäft in den kommenden Jahren nachhaltig verändern.

Innovationen forcieren

Prof. Dr. Stefan Buchholz, Managing Director der Evonik Creavis GmbH
Prof. Dr. Stefan Buchholz, Managing Director der Evonik Creavis GmbH © VCI/Fuest
Einig waren sich alle Anwesenden, dass die deutsche Chemie ihre Innovationsfähigkeit mittelfristig ausbauen muss, um im internationalen Wettbewerb bestehen zu können. Wie das gelingen kann, schilderte Stefan Buchholz von der Innovationseinheit Creavis bei Evonik Industries. Er sagte: „Die Innovationen entstehen heute an den Grenzpunkten zur Biologie oder anderen Disziplinen.“ Daher solle die Branche ihren Blick erweitern und nicht mehr nur durch die Entwicklung neuer Verbindungen nach neuen Geschäftsfeldern suchen.

Lebhafte Diskussionen und ein sehr interessiertes Publikum kennzeicheten den VCI-Thementag:

Alternativszenarien: Chancen und Risiken für das Chemiegeschäft
Das vorliegende Update der 2030-Studie basiert auf der Annahme, dass sich die industriepolitischen Rahmenbedingungen in Deutschland und Europa für die Chemie bis 2030 nicht weiter verschlechtern. Alternativszenarien zur Frage, wie zukünftige Entwicklungen durch industriepolitische Weichenstellung beeinflusst werden können, sind in Planung.

Zukunft auf 45 Seiten: Die Studie „Die deutsche chemische Industrie 2030 - Update 2015/2016
Zukunft auf 45 Seiten: Die Studie „Die deutsche chemische Industrie 2030 - Update 2015/2016"
Zur Studie „Die deutsche chemische Industrie 2030 - Update 2015/2016 geht es hier."

Die Präsentationen von Dr. Henrik Meincke, VCI, und Dr. Peter Westerheide, BASF, stehen im Download-Bereich im Kopf dieser Seite in Form von PDF-Dateien für Sie bereit.

Für die Mitgliedsunternehmen des VCI stehen außerdem alle Grafiken der Studie in einer aufbereiteten Sammlung zur Verfügung - mit Klick auf diesen Satz kommen Sie hin!

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Für Fragen und Anregungen nehmen Sie gerne Kontakt mit uns auf.

Ansprechpartner

Dipl.-Volksw. Christian Bünger

E-Mail: buenger@vci.de

Dr. Henrik Meincke

E-Mail: meincke@vci.de