Alternativ-Szenario zur VCI-Prognos-Studie „Die deutsche chemische Industrie 2030“

Industriepolitik näher betrachtet

Wenn am 24. September der Bundestag neu gewählt wird, geht es nicht nur um soziale Gerechtigkeit, innere Sicherheit oder die Zukunft Europas. Es geht auch um wichtige industriepolitische Weichenstellungen. Das verdeutlicht eine Studie, in der das Forschungsinstitut Prognos für den VCI die Auswirkungen verschiedener politischer Handlungsoptionen durchgerechnet hat.

Die VCI-Prognos-Studie "Chemie 2030" bietet fundierte Langzeitprognosen für die Branche. Sie ist jetzt um Szenarien zu industriepolitischen Handlungsoptionen ergänzt.- Bild: © VCI/Prognos
Die VCI-Prognos-Studie "Chemie 2030" bietet fundierte Langzeitprognosen für die Branche. Sie ist jetzt um Szenarien zu industriepolitischen Handlungsoptionen ergänzt.- Bild: © VCI/Prognos

Wie kaum ein anderes Land der Welt verdankt Deutschland seinen Wohlstand einer starken, diversifizierten und wettbewerbsfähigen Industrie. Der Anteil industrieller Wertschöpfung am BIP ist hierzulande fast doppelt so hoch wie in den USA, Großbritannien oder Frankreich. Das darf aber nicht dazu verleiten, die industrielle Leistungsfähigkeit zu überschätzen.

Seit über vier Jahren ist die Industrieproduktion schwächer gewachsen als die Gesamtwirtschaft. Sollte sich dieser Trend fortsetzen, verliert der „Stabilitätsanker Industrie“ in Deutschland schleichend an Bedeutung. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, wie die industriepolitischen Rahmenbedingungen verbessert werden können. Hierzu hat der VCI konkrete Handlungsempfehlungen gemacht. Prognos wurde beauftragt, die Auswirkungen der VCI-Vorschläge auf die Wirtschaft abzuschätzen.

Chancen nutzen

Die Berechnungen zeigen: Eine innovationsfreundliche Industriepolitik, effiziente Regulierung sowie eine Energie- und Klimapolitik mit Augenmaß steigern die Wettbewerbsfähigkeit und bringen zusätzliches Wachstum für die deutsche Wirtschaft. Die Bevölkerung profitiert unmittelbar. Das durchschnittliche Jahreseinkommen könnte im Jahr 2030 wesentlich höher liegen, als bislang in der VCI-Prognos-Studie „Die deutsche chemische Industrie 2030“ angenommen.

Grafik:
Grafik: © VCI/Prognos

Gleichzeitig würde Deutschland seine Attraktivität als Innovations- und Investitionsstandort verbessern. Steigende Steuereinnahmen würden auch einen raschen Schuldenabbau trotz zusätzlicher Ausgaben in den Bereichen Forschung, Bildung und Infrastruktur ermöglichen.

Dies beschleunigt in der neuen Hochrechnung den technologischen Fortschritt und verbessert das Investitionsklima. Auch die Umwelt würde profitieren. Da in diesem Szenario Emissionshandel und Energiewende kosteneffizient weiterentwickelt und die Belastungen verstärkt nach dem Prinzip der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit verteilt werden, würde die Planungssicherheit für die Unternehmen zunehmen. Mit dem technischen Fortschritt steigen dann auch die Investitionen und die Ressourceneffizienz. Am Beispiel der Chemieindustrie zeigt sich, dass der Energieverbrauch trotz eines höheren Wachstums sinken kann.

Die Studie warnt aber auch, dass eine verschärfte, interventionistische Energie- und Klimapolitik erhebliche negative Auswirkungen auf die deutsche Wirtschaft hätte.

Die Szenarien mit ausgewählten Indikatoren im Überblick

Im Überblick: Indikatoren für Deutschland zur Gesamtwirtschaft, zum Verarbeitenden Gewerbe und zur chemisch-pharmazeutischen Industrie in den drei Szenarien „Basis
Im Überblick: Indikatoren für Deutschland zur Gesamtwirtschaft, zum Verarbeitenden Gewerbe und zur chemisch-pharmazeutischen Industrie in den drei Szenarien „Basis", „Chancen" und „Risiko"

Chancenszenario – Annahmen im Überblick

  • Energiepolitik: Energiewende bzw. Ausbau der erneuerbaren Energien wird effizienter, Wettbewerbsfähigkeit bleibt gewahrt, keine zusätzlichen Belastungen durch Energiewende (z.B. durch Deckelung der EEG-Umlage oder Haushaltsfinanzierung), Netzausbau gelingt, Bestandsschutz für Altanlagen
  • Industriepolitik: Investitions- und innovationsfreundliches Umfeld, Abbau von Regulierungen, effizientere Regulierungen, Abbau von Investitionshemmnissen, Planungssicherheit, Einführung einer steuerlichen Forschungsförderung, themenoffene Projektförderung, Fokus Breitenförderung, keine Beschränkung auf den Mittelstand
  • Investitionen des Staates für Infrastruktur/Schule/Bildung gewinnen gegenüber konsumtiven Ausgaben an Gewicht
  • Mehr Investitionen in Europa, Ausweitung und breite Anwendung des Europäischen Investitionsprogramms EFSI (Europäischer Fonds für strategische Investitionen, auch Junkerplan), Planungssicherheit im Energiebereich

Risikoszenario – Annahmen im Überblick

  • Energiepolitik: EEG weiterhin ineffizient, EEG-Umlage steigt, Entlastungsregelungen geraten unter Druck, Kosten des Netzausbaus und der Reservekraftwerke werden auf den Verbraucher umgelegt
  • Industriepolitik: keine zusätzlichen Forschungsanreize, Regulierungsdichte nimmt zu, Investitionshemmnisse durch Planungsunsicherheit und steigende Kosten
  • Kaum zusätzliche Investitionen des Staates für Infrastruktur/Schule/Bildung
  • Keine wirksamen Investitionsanreize in Europa, Europäisches Investitionsprogramm EFSI („Junckerplan“) scheitert, Planungsunsicherheit durch ETS


Die Alternativszenarien sowie die entsprechend ergänzte VCI-Prognos-Studie "Die deutsche chemische Industrie 2030 - Update 2015/2016" finden Sie im Download-Bereich im Kopf dieser Seite.


Dieser Artikel ist in modifizierter Fassung im chemie report 06/2017 erschienen.

Für Fragen und Anregungen nehmen Sie gerne Kontakt mit uns auf.

Ansprechpartner

Dr. Henrik Meincke

E-Mail: meincke@vci.de