Potenzial der Biotechnologie

„Cracker laufen nicht mit Stroh“

Soll man in Zeiten niedriger Ölpreise über Bioökonomie sprechen? Ja, man muss es sogar, sagte DIB-Geschäftsführer Dr. Ricardo Gent in seinem Vortrag bei der diesjährigen Handelsblatt Jahrestagung Chemie am 22. April in Düsseldorf. Denn der Ölpreis wird nicht dauerhaft so niedrig bleiben. Und bei der Suche nach Alternativen zum Öl mithilfe der Biotechnologie gibt es keine kurzfristigen Lösungen.

DIB-Geschäftsführer Dr. Ricardo Gent: „Cracker laufen nicht mit Stroh."- Foto: © von links: Pressefoto BASF; EUROFORUM DEUTSCHLAND SE - Foto Vogt GmbH; Olga Langerova - Fotolia.com
DIB-Geschäftsführer Dr. Ricardo Gent: „Cracker laufen nicht mit Stroh."- Foto: © von links: Pressefoto BASF; EUROFORUM DEUTSCHLAND SE - Foto Vogt GmbH; Olga Langerova - Fotolia.com

International wird seit einigen Jahren über Green Economy diskutiert. In Deutschland ist in diesem Zusammenhang eher von Bioökonomie die Rede. Beide Begriffe meinen nach Ansicht von DIB-Geschäftsführer Gent nichts anderes, als dass die chemische Industrie die Kohlenstoffverbindungen, aus denen sie zahlreiche Alltagsgegenstände herstellen kann, künftig nicht nur aus Erdöl herausholt, sondern immer häufiger aus Biomasse. Gent sagte: „Das bekommen Sie mit einem klassischen Cracker nicht hin. Versuchen Sie den mal mit Stroh zu füllen. Es müssen andere Lösungen her – und hier kommt die Biotechnologie ins Spiel.“

Gelänge es der Chemie- und Pharmaindustrie, zunehmend Pflanzen als Rohstoff für die Produktion und zur Energiegewinnung zu nutzen, würde die Abhängigkeit vom Erdöl sinken. Dass das sinnvoll sei, könne niemand in Abrede stellen, so Gent. Denn der Ölpreis werde auf langfristige Sicht nicht so niedrig bleiben, wie in den vergangenen Wochen und Monaten. Wenn die Industrie künftig stärker auf Pflanzen aus Biomasse zurückgreifen wolle, brauche sie Landwirte, die Pflanzen als Nahrungs- und Rohstofflieferant anbauen. Gent sagte: „Daher übt eine verstärkte Industrienachfrage nach geeigneter Biomasse positive Effekte auf die Landwirtschaft aus. Im großen Maßstab ist das aber Zukunftsmusik.“

Schrittweise auf Bioökonomie umstellen

Der DIB-Geschäftsführer erklärte in seiner Rede, dass industrielle Biotechnologie die technische Basis für Bioökonomie sei. Mit ihrer Hilfe könne Biomasse effektiv und effizient zu biobasierten Produkten verarbeitet werden. Das dafür nötige Wissen sei in Deutschland vorhanden. „Genetische Ressourcen werden bereits seit Jahrzehnten in der Industrie genutzt. Sie bilden die Grundlage für vielerlei Produkte des täglichen Lebens. Die Produktion von Nahrungs- und Futtermitteln, nachwachsenden Rohstoffen, Arzneimitteln oder Kosmetika ist ohne den Einsatz genetischer Ressourcen in Kombination mit Biotechnologie nicht mehr denkbar“, so Gent. Und trotzdem gebe es auch in der Chemie- und Pharmaindustrie viele, die sich das Potenzial der industriellen Biotechnologie noch nicht bewusst gemacht haben.

Bioökonomie hat nach Ansicht der DIB auch eine strategische Bedeutung in einer nachhaltigen Wachstumsstrategie für die chemisch-pharmazeutische und biotechnische Industrie. Sie sei in diesem Zusammenhang ein Weg zu mehr Ressourceneffizienz. Gent verwies darauf, dass gerade die Infrastruktur der Chemie in Deutschland – insbesondere die Verbundstrukturen der Standorte – eine sehr gute Grundlage dafür bietet, nachwachsende Rohstoffe nach und nach in die bestehenden Prozesse zur Weiterverarbeitung einzuspeisen. Man könne eine Wirtschaft aber nicht von heute auf Morgen auf eine biobasierte Wirtschaft umstellen. Die Unternehmen arbeiteten stattdessen daran, biobasierte und biotechnische Prozesse schrittweise in ihre Produktion zu integrieren.

© EUROFORUM DEUTSCHLAND SE / Foto Vogt GmbH
„Politik wünscht Bioökonomie. Chemie macht Bioökonomie. Und Biotechnologie macht all das möglich."


Dr. Ricardo Gent ist Geschäftsführer der Deutschen Industrievereinigung Biotechnologie (DIB) im VCI. Er sprach bei der Handelsblatt Jahrestagung Chemie 2015 über die Biotech-Evolution der Industrie.

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E-Mail: claas@vci.de