Soziale Medien und politische Kommunikation

Protestkampagnen unbedingt ernst nehmen

Das Internet hat der Politik, den Medien und den Bürgern neue Wege eröffnet. Über soziale Netzwerke können Nachrichten und Kommentare in Echtzeit veröffentlicht, aber auch kommentiert und weiterverbreitet werden. Was diese Entwicklung für die politische Arbeit und Interessenvertretung bedeutet, war Thema im öffentlichen Teil der VCI-Mitgliederversammlung in Düsseldorf.

Das Internet und die sozialen Netzwerke bieten den Bürgern neue Möglichkeiten für politische Beteiligung. - Foto: © 10 FACE/shutterstock
Das Internet und die sozialen Netzwerke bieten den Bürgern neue Möglichkeiten für politische Beteiligung. - Foto: © 10 FACE/shutterstock

Was haben Stuttgart 21 und das Freihandelsabkommen TTIP gemeinsam? Beide Themen wurden und werden von starken öffentlichen Protesten begleitet. In beiden Fällen spielt das Internet eine bedeutende Rolle bei der Organisation und Verstärkung der Proteste. Um beide Themen drehten sich daher unter anderem die Vorträge und die Podiumsdiskussion am Nachmittag der VCI-Mitgliederversammlung. Hier ging es darum, welche Rolle soziale Medien in der politischen Kommunikation von heute und morgen spielen.

„Wachsender kommunikativer Handlungsdruck“ – Prof. Hendrik Send in Düsseldorf beim VCI. - Foto:
„Wachsender kommunikativer Handlungsdruck“ – Prof. Hendrik Send in Düsseldorf beim VCI. - Foto: © VCI/Darchinger
Den Auftakt machte Professor Hendrik Send vom Alexander von Humboldt Institut für Internet und Gesellschaft in Berlin. Er schilderte in seinem Vortrag die „Chancen und Risiken von Beteiligungsprozessen im Internet“ und stellte fest, dass es ein Beteiligungsparadox gibt. Am Anfang von Großprojekten oder politischen Prozessen hätten Planer und Politiker viel Handlungsspielraum und seien offen für Änderungsvorschläge von außen. Auch das Budget sei noch nicht bis ins Detail verplant. Dieser Spielraum schwinde aber, je weiter der Planungsprozess fortschreite. Genau dann aber werde das Interesse der Bürger größer und sie fühlten sich nicht einbezogen, weil viele Festlegungen ja schon getroffen wurden.

Die Art und Weise, wie kommuniziert werde, sei ebenfalls wichtig, so Send. Er verwies darauf, dass sich viele Wutbürger beim Projekt „Stuttgart 21“ nicht an den technischen Details der Planung gestört hätten, sondern an der Art und Weise, wie mit ihnen umgegangen wurde. Vor diesem Hintergrund stellte er fest: „Es gibt eine Gemengelage verschiedener Faktoren, die heute mehr Partizipation nötig machen.“ Der digitale Wandel der Medien sei dabei ein wichtiger Treiber. Send stellte fest: „Die Hälfte der deutschen Internet-Nutzer hat schon einmal ein partizipatives Verfahren online mitgemacht.“

Mehr Kommunikationsmacht

„Unmittelbare, ungefilterte Kommunikation“ – Prof. Marianne Kneuer bei ihrem Vortrag. - Foto:
„Unmittelbare, ungefilterte Kommunikation“ – Prof. Marianne Kneuer bei ihrem Vortrag. - Foto: © VCI/Darchinger
Auf die Rolle sozialer Medien für politische Bewegungen ging anschließend Professorin Marianne Kneuer von der Universität Hildesheim ein. Sie erforscht das Thema seit Beginn des Arabischen Frühlings 2011, bei dem die sozialen Netzwerke Facebook und Twitter eine große Bedeutung bei der Organisation von Straßenprotesten gegen mehrere Regierungen gespielt hatten.

Auch in Europa und Deutschland hätten soziale Medien die politische Diskussionskultur verändert, stellte Kneuer fest: „Die Bürger haben heute mehr individualisierte und personalisierte Kommunikationsmacht.“

Öffentliche Diskussionen würden nicht mehr nur in Zeitungen, im Fernsehen und im Radio geführt, sondern auch in Einzelgesprächen in sozialen Netzwerken. Dadurch seien stark „fragmentierte Kommunikationsräume“ entstanden, die die politische Themensetzung schwerer und unberechenbarer gemacht haben. Nicht zuletzt ändere sich die Sprache durch soziale Medien. Bei manchen Themen seien „Hate Speech“ und Beleidigungen an der Tagesordnung.

Kneuer stellte auch fest, dass es in den vergangenen Jahren eine deutliche Zunahme von Online-Kampagnen gegeben habe, mit denen Interessengruppen, Verbraucher- und Umweltverbände politische Diskussionen beeinflussen möchten. Ein prominentes Beispiel sind hier die verschiedenen Aktionen gegen die Freihandelsabkommen TTIP und CETA. Kneuer sagte: „Wir haben es inzwischen mit einem hoch professionalisierten Gewerbe bei der Organisation von Online-Kampagnen zu tun. Man muss so etwas ernst nehmen, man darf es niemals unterschätzen.“ Politiker, Verbände und Unternehmen müssten sich der Diskussion stellen, wenn sie durch eine Kampagne angesprochen werden – unabhängig davon, ob der Ausgangspunkt richtig oder falsch, berechtigt oder unberechtigt sei. Ebenso wie Send kam Kneuer zu dem Ergebnis: „Es hat sich bei den Bürgern ein neuer Transparenzanspruch gebildet. Die Menschen möchten mit diesem Anspruch ernst genommen werden.“

Offen sein für Neues

Auf die Vorträge folgte eine Podiumsdiskussion, in der beide Professoren mit Katja Suding, FDP Hamburg, und VCI-Vizepräsident Klaus Engel, Evonik Industries, über Rückschlüsse für die politische Arbeit der Zukunft sprachen. Moderator der Runde war ZDF-Journalist Norbert Lehmann. Er stellte mit Blick auf die sich ändernden Gewohnheiten der Fernsehzuschauer fest: „Der analoge Wein passt nicht in digitale Schläuche.“

„Die Stärken des Internets gezielt nutzen“ – Klaus Engel (Evonik Industries, 2.v.l.). Weiter im Bild von links: ZDF-Moderator Norbert Lehmann, Katja Suding (FDP), Hendrik Send. - Foto:
„Die Stärken des Internets gezielt nutzen“ – Klaus Engel (Evonik Industries, 2.v.l.). Weiter im Bild von links: ZDF-Moderator Norbert Lehmann, Katja Suding (FDP), Hendrik Send. - Foto:

Das konnte Katja Suding bestätigen und schilderte, wie es der Hamburger FDP gelungen sei, bei der jüngsten Bürgerschaftswahl gezielt jüngere Wähler mit einer Social-Media-Wahlkampagne anzusprechen.

VCI-Vizepräsident Engel sagte, es sei für den Verband keine Frage mehr, ob er in sozialen Netzwerken aktiv werden solle, sondern nur noch wie. Er verwies auf die laufende VCI-Social-Media-Kampagne zum Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG): „Es geht darum, die Stärken des Internets gezielt zu nutzen und zu erkunden.“ Der VCI werde aber auch in Zukunft weiter die klassischen Instrumente der Lobbyarbeit nutzen.

In Bezug auf Manager in der heutigen Zeit sagte Engel, dass sie sich auf einen raueren Ton in sozialen Medien einstellen müssen: „Wenn man in das digitale Feuer reingeht, muss man lernen, damit umzugehen. Die Leidensfähigkeit muss sich ein Stück weit erhöhen.“

Professorin Kneuer schilderte die Durchschlagskraft von Online-Kampagnen. Beim Thema TTIP sei es den Kritikern gelungen, das komplexe Vertragswerk auf das Bild eines Chlorhuhnes zu komprimieren, vor dem sich viele Bürger fürchten.

Professor Send riet dem VCI, gezielt zu untersuchen, wo der Bedarf für Social Media in der Chemieindustrie liege. Er hat im Rahmen seiner Forschungsarbeit verschiedene Partizipationsverfahren erforscht. Sein Fazit: „Gut geplant, kann das großartige Effekte haben.“


Dieser Artikel wird in der Oktober-Ausgabe der VCI-Mitgliederzeitschrift „chemie report" erscheinen.

Für Fragen und Anregungen nehmen Sie gerne Kontakt mit uns auf.

Ansprechpartner

Dipl.-Pol. Oliver Claas

E-Mail: claas@vci.de