Angenommen: Auf dem Mond findet sich die Lösung für alle Energieprobleme auf der Erde. So zumindest beschreibt es der Bestsellerautor Frank Schätzing in seinem neuen Roman „Limit”. In dieser Vision erweist sich das im lunaren Staub vorkommende Isotop Helium-3 als idealer, weil klima- und umweltneutraler Brennstoff und löst deshalb die fossilen Energieträger vollständig ab. Dieser Quantensprung wiederum sichert die vom Öl abhängige Rohstoffbasis der chemischen Industrie für die Zukunft. In der Realität stellt sich die Situation ganz anders dar: Die Branche nimmt die Sicherung ihrer Rohstoffbasis selbst in die Hand − soweit es in ihren Möglichkeiten liegt. Schließlich wäre es mit einer strategischen Planung unvereinbar, wenn sich die chemische Industrie in Deutschland darauf verlassen würde, dass eine solche Fiktion irgendwann Wirklichkeit wird. Die Chemie bereitet sich deshalb schon seit geraumer Zeit auf den Wandel ihrer Rohstoffbasis vor. Die Endlichkeit fossiler Ressourcen ist ein Thema, das immer konkretere Formen annimmt. Zwar bildet Naphtha, ein primäres Erdölderivat, noch immer zu 80 Prozent die Rohstoffbasis der organisch-chemischen Produktion in Deutschland. Daraus entstehen rund 200 Grund- und Zwischenprodukte, die die Schlüsselglieder zu den mannigfaltigen Wertschöpfungsketten der chemischen Industrie darstellen. Der Weg in die Zukunft ist aber vorgezeichnet: Nachwachsende Rohstoffe decken schon heute rund zehn Prozent des Rohstoffbedarfs unserer Branche. Jetzt richtet sich die Forschung auf die stoffliche Nutzung von Biomasse, die nicht für die Lebensmittelproduktion benötigt wird. Die Pflanzenbiotechnologie spielt hier eine zentrale Rolle, um Verfahren zur Produktion von Grundchemikalien zu ersetzen und alternative biochemische Wertschöpfungsketten aufzubauen. Intensive Forschungs- und Entwicklungsarbeit ist in den kommenden Jahrzehnten auch zu leisten, wenn effiziente CO2-freie Verfahren zur Gewinnung von Wasserstoff realisiert werden sollen. Im Zeitalter nach dem Öl wird das Element in großen Mengen benötigt: Zur chemischen Veredlung von Biomasse und als Energiespeicher oder -träger, zum Beispiel in der Brennstoffzelle. Chemie macht Zukunft. Die deutsche Branche fordert sich in ihren Forschungsanstrengungen ständig neu heraus. Innovative, alternative Ideen und Ansätze zu verfolgen lohnt sich immer. Ein Ausflug auf den Mond ist dafür nicht nötig. |