|
||||||||||||||||||||||||||
Ausführungen von Herrn Professor Dr. Ulrich Lehner, Präsident des Verbandes der Chemischen Industrie (VCI), am 8. Dezember 2009 vor der Presse in Frankfurt
(Es gilt das gesprochene Wort) ________________________________________________________________
Sehr geehrte Damen und Herren, eines der schwierigsten Jahre in der Geschichte der deutschen chemischen Industrie liegt hinter uns. Der Einbruch im vierten Quartal 2008 und im ersten Quartal 2009 in der Chemieproduktion lässt sich nur mit dem Rückgang in der ersten Ölkrise vor 35 Jahren vergleichen. Den Tiefpunkt haben wir seit dem Frühjahr 2009 durchschritten. Es geht jetzt wieder bergauf. Die Branche ist überwiegend zuversichtlich, die Unternehmen hoffen 2010 auf bessere Geschäfte. Die Erholung wird jedoch nur mit mäßiger Dynamik erfolgen. Die hohen Umsatz- und Produktionszahlen der Chemie im ersten Halbjahr 2008 werden wir voraussichtlich erst in mehreren Jahren wieder erreichen. Jetzt zur Entwicklung der Chemiekonjunktur in den letzten zwölf Monaten: Wie stark die globale Krise auf den Finanzmärkten die Weltwirtschaft in Mitleidenschaft zog, überraschte selbst notorische Pessimisten. Der massive Einbruch der weltweiten Industrieproduktion im vierten Quartal 2008 und im ersten Quartal 2009 und die daraus folgende Nachfrageschwäche im In- und Ausland für chemische Erzeugnisse traf die deutsche Branche schwer. Zeitweise musste die Produktion im ersten Halbjahr um 30 Prozent gedrosselt werden, bevor die rapide Talfahrt zu Ende ging. In der zweiten Hälfte belebte sich das Chemiegeschäft spürbar – allerdings auf sehr niedrigem Niveau. Für das Gesamtjahr 2009 resultiert daraus ein Produktionsrückgang von 10 Prozent.
Zu den einzelnen Sparten Alle Chemiesparten waren von der Finanz- und Wirtschaftskrise betroffen. Die Produktion von chemischen Grundstoffen lag 2009 deutlich unter Vorjahresniveau: ·Anorganika (wie beispielsweise Chlor oder Schwefelsäure) minus 19,5 Prozent. ·Petrochemikalien (wie Ethylen, Propylen oder Benzol) minus 6,5 Prozent. ·Polymerproduktion (zum Beispiel Polyethylen, PVC oder Chemiefasern) minus 18,5 Prozent. Produktion der chemischen Grundstoffe insgesamt: minus 16 Prozent. Auch bei den Fein- und Spezialchemikalien sowie bei den konsumnahen Chemikalien machte sich die wirtschaftliche Krise bemerkbar. Die Produktion von Spezialchemikalien ging 2009 um 14 Prozent zurück. Die Hersteller von Wasch- und Körperpflegemitteln drosselten ihre Produktion um 8,5 Prozent. Die Konsumzurückhaltung der Bürger und die Krise beim Automobilbau trafen diese beiden Sparten besonders hart. Selbst das Geschäft mit Pharmazeutika wurde vom Abwärtssog erfasst. Die Produktion sank 2009 um 2,5 Prozent. Preise 2009 sind die Chemikalienpreise auf breiter Front gesunken. Der Preisverfall ist zum einen auf die rückläufigen Rohstoffkosten zurückzuführen. Öl und Gas verbilligten sich im Vorjahresvergleich erheblich. Zum anderen mussten viele Chemieproduzenten angesichts der schwachen Nachfrage die Preise senken. Seit Mitte des Jahres stabilisieren sich die Chemikalienpreise. Sie lagen im Gesamtjahr 2009 im Durchschnitt um 2,5 Prozent niedriger als ein Jahr zuvor. Umsatz Der Gesamtumsatz der deutschen chemischen Industrie verfehlte 2009 das Vorjahresniveau um 12,5 Prozent und sank auf 154,4 Milliarden Euro. Das Auslandsgeschäft zeigte sich dabei etwas stabiler als der Inlandsabsatz. Der Auslandsumsatz sank um 12 Prozent auf 85,4 Milliarden Euro. Der Inlandsumsatz brach um 13,5 Prozent auf 69,0 Milliarden Euro ein. Exporte und Importe Die Exporte, die neben den Auslandsumsätzen der Chemieunternehmen auch Re-Exporte sowie Chemieexporte anderer Wirtschaftszweige ins Ausland enthalten, sanken 2009 um 12 Prozent auf 123,2 Milliarden Euro. Trotz hoher Pharmaausfuhren, die gewöhnlich wenig konjunktursensibel sind, hatte die Finanzkrise starke Auswirkungen auf unser Exportgeschäft. Angesichts der schwachen Industriekonjunktur waren die Importe chemischer Erzeugnisse stark rückläufig. Sie lagen mit 86,8 Milliarden Euro rund 11 Prozent niedriger als in 2008. Die deutschen Chemieunternehmen trugen 2009 mit rund 36,4 Milliarden Euro erneut deutlich zum Exportüberschuss unseres Landes bei. Beschäftigung Die Zahl der Arbeitsplätze in der Branche ging verglichen mit dem Einbruch der Produktion nur relativ wenig zurück. Die deutsche Chemieindustrie beschäftigte 2009 durchschnittlich 435.000 Mitarbeiter. Das sind 1,5 Prozent weniger als ein Jahr zuvor. Kurzarbeit und flexible Instrumente aus dem Tarifvertrag haben einen stärkeren Stellenabbau verhindert. Zur Einordnung: Das gesamte verarbeitende Gewerbe in Deutschland hat in derselben Zeit prozentual fast doppelt so viele Arbeitsplätze verloren. Investitionen Im Zuge der Weltwirtschaftskrise sowie der Kostensenkungsprogramme haben die Chemieunternehmen ihre Investitionen im Jahr 2009 deutlich zurückgefahren. Kleinere Investitionsvorhaben wurden verschoben, mit der Planung größerer Projekte hielten sich die Firmen stark zurück. Dadurch sanken die Investitionen der Chemieunternehmen 2009 um 10 Prozent auf 6,1 Milliarden Euro. Angesichts der niedrigen Kapazitätsauslastung, die bei 75 Prozent im Durchschnitt lag, wurde besonders auf Erweiterungsinvestitionen verzichtet. Die niedrige Kapazitätsauslastung spricht dafür, dass die Unternehmen ihre Investitionen 2010 nicht ausdehnen werden. Wir gehen allerdings davon aus, dass das Investitionsniveau in etwa gehalten wird. Ausblick Im Laufe des zweiten Halbjahres 2009 wurden die meisten Produktionsanlagen, die im Zuge der Krise vorübergehend abgestellt worden waren, wieder angefahren. Viele Chemieunternehmen haben die Kurzarbeit früher als geplant ausgesetzt. Das spricht dafür, dass die Branche das Schlimmste hinter sich gebracht hat. Die Kapazitätsauslastung in der Branche ist nach wie vor unbefriedigend und der Jahresdurchschnitt im Produktionsniveau entspricht dem Stand von 2004 ·Für das nächste Jahr rechnen wir – vor allem wegen des Basiseffekts – mit einer Steigerung der deutschen Chemieproduktion um 5 Prozent. ·Die Preise werden aufgrund des zunehmenden Drucks von Seiten der Rohstoffmärkte leicht steigen. Wir rechnen mit einem Preisanstieg von 1 Prozent. ·Der Gesamtumsatz der Branche dürfte 2010 um etwa 6 Prozent zulegen. In unseren Mitgliedsunternehmen überwiegt die Zuversicht, dass es in den kommenden Monaten keinen Rückschlag geben wird. Sie gehen vielmehr davon aus, dass die Nachfrage nach Chemikalien weiter anzieht. Im Inland stützt sich diese Einschätzung darauf, dass sich im gesamten Verarbeitenden Gewerbe die Auftriebskräfte durchzusetzen scheinen. Vor allem in der Automobilproduktion und der Kunststoffverarbeitung wurde die Produktion wieder deutlich ausgedehnt. An diese beiden Abnehmer liefert die Chemie fast ein Drittel ihres Absatzes an inländische Industriezweige. Aber auch im Maschinenbau, einer Branche, die erst relativ spät von den konjunkturellen Verwerfungen getroffen wurde, zeichnet sich ein Ende der Talfahrt ab. Chancen auf den Auslandsmärkten Entscheidend für die kommenden Monate wird aber sein, wie sich die Auslandsmärkte entwickeln. Schließlich verkauft die deutsche chemische Industrie über 55 Prozent ihrer Produktion in andere Länder. Nach dem massiven Einbruch des Auslandsgeschäfts mehren sich jetzt die positiven Signale. Eine wachsende Zahl von Ländern kann sich aus der Umklammerung der Weltwirtschaftskrise lösen. Das zeigt sich am Anstieg des Bruttoinlandsprodukts und der Industrieproduktion. Die Europäische Union ist der mit Abstand wichtigste Markt für die deutsche Chemieindustrie. Fast zwei Drittel ihrer Exporte gehen in die übrigen 26 Mitgliedsstaaten der EU. In der zweiten Jahreshälfte hat die EU die konjunkturelle Trendwende geschafft. In vielen Branchen verbesserte sich die Auftragslage spürbar. Die konjunkturelle Belebung und niedrige Lagerbestände in den Kundenindustrien führten zu einem Anstieg der Chemikalienbestellungen in deutschen Unternehmen. Auch in den USA setzten sich in den letzten Monaten die Auftriebskräfte durch. In die NAFTA-Region liefert die deutsche Chemie insgesamt gut 10 Prozent ihrer Exporte. Völlig entspannt hat sich die Lage aber dort immer noch nicht. Die US-Bürger müssen sparen, um die über Jahre angehäuften Schulden abzuzahlen. Die stärksten Impulse für die Weltwirtschaft kamen aus den Schwellenländern. Asien wies dabei die größte Wachstumsdynamik auf. In China und Indien hat die Wirtschaftskrise nur eine Delle im Wachstumspfad hinterlassen. Die Industrieproduktion liegt dort bereits wieder auf dem Vorkrisenniveau. Für die deutsche Chemie spielen diese beiden Regionen mit einem Exportanteil von zusammen gut 3 Prozent – rund 4,3 Milliarden Euro – derzeit noch eine nachgeordnete Rolle. Aber die Wachstumsdynamik macht die Chancen für unsere Branche für die Zukunft klar: Allein in den letzten vier Jahren haben sich die Chemieexporte in diese beiden Staaten um rund 80 Prozent erhöht. Das Industrieland Deutschland stärken Sehr geehrte Damen und Herren, Deutschland ist ein Industrieland. Der Anteil des Verarbeitenden Gewerbes am Bruttoinlandsprodukt ist bei uns mit 24 Prozent höher als in allen anderen Industrieländern. Und die Chemie ist seit weit über hundert Jahren der Kern der Industrienation Deutschland. Ob Fahrzeug- und Maschinenbau oder Elektroindustrie, ob Kunststoff- und Metallverarbeitung oder die Bauwirtschaft: Unsere Produkte tragen dazu bei, die Leistungs- und Innovationsfähigkeit dieser und vieler anderer Branchen zu sichern und insbesondere ihre Energie- und Ressourceneffizienz zu verbessern. Rund 80 Prozent unseres Inlandsumsatzes erwirtschaften wir mit industriellen Kunden. Wenn sich der Aufwärtstrend der Industriekonjunktur weiter stabilisiert, wird die deutsche Chemie davon somit unmittelbar profitieren. Auch unsere Positionierung im internationalen Wettbewerb ist exzellent: Im europäischen Vergleich ist Deutschland mit Abstand der größte Chemiestandort. Fast ein Viertel der europäischen Chemieproduktion findet hierzulande statt. Diese Position wollen die Unternehmen weiter ausbauen. Im globalen Vergleich liegt die Messlatte höher: Hier belegt die deutsche Branche gemessen am Umsatz zurzeit nach den USA, Japan und China Platz vier unter den größten Chemieproduzenten der Welt. Allerdings agiert keine andere Chemienation auf den Exportmärkten der Welt seit Jahren erfolgreicher als Deutschland. Bis vor der Krise sicherten wir uns mit zuletzt 12,6 Prozent den größten Teil der Weltexporte der chemisch-pharmazeutischen Industrie. Das zeigt: Chemie „made in Germany“ ist ein weltweit geschätztes Qualitätssiegel. Diese Stärke lässt sich auch an der Außenhandelsbilanz ablesen. Mit einem positiven Saldo von 42,5 Milliarden Euro erwirtschaftete die deutsche Chemie 2008 mit Abstand den größten Außenhandelsüberschuss. Ein Freibrief auf künftigen Erfolg kann das dennoch nicht sein. Angestammte Marktanteile gibt es für keine Nation im globalen Wettbewerb. Die Karten werden jetzt in den Industriestaaten für die Zeit nach der Krise neu gemischt. Das gilt auch für Deutschland. Wachstumspolitik der Bundesregierung Nach der unmittelbaren Bewältigung der Finanzkrise durch die große Koalition steht die neue Bundesregierung jetzt vor der eigentlichen Herausforderung: Sie muss und will die Voraussetzungen für ein dynamisches, wie nachhaltiges Wachstum in Deutschland schaffen. Dieser Ansatz könnte der Beginn eines Paradigmenwechsels in der Wirtschaftspolitik sein, auf den wir schon lange warten. Er richtet den Blick nach vorn und setzt trotz einer extrem schwierigen Haushaltslage auf die Chance, das Potenzial unserer Wirtschaft zu mobilisieren. Aus unserer Sicht hat die Bundesregierung damit den richtigen Weg gewählt.
Mit dem Koalitionsvertrag haben die Regierungsparteien ein eindeutiges Signal gesetzt, dass sie den Industriestandort Deutschland stärken wollen. Das macht uns Mut. Denn die Unternehmen brauchen bessere Ausgangsbedingungen, um im internationalen Wettbewerb bestehen zu können – je schneller, desto besser. Dass es die Bundesregierung ernst damit meint, hat sie im ersten Schritt mit dem „Wachstumsbeschleunigungsgesetz“ bewiesen. Es soll bereits zum Jahreswechsel in Kraft treten. Die Entscheidung, Krisen entschärfende Maßnahmen zur Zinsschranke oder zu Verlustvorträgen in dieses Sofortprogramm aufzunehmen, entspricht weitgehend unseren Vorschlägen. Auch bei der Erbschaftssteuer gibt es gewisse Verbesserungen, die den steuerfreien Übergang von Betrieben auf die nächste Generation regeln. Die neue Bundesregierung hat im Koalitionsvertrag auch die Absicht bekundet, eine steuerliche Forschungsförderung in dieser Legislaturperiode einzuführen. Leider gibt es keinerlei konkrete Angaben über den Zeitpunkt, wann dies geschehen soll. Wir halten diese Maßnahme nach wie vor für einen entscheidenden Schritt, um die Innovationskraft der Unternehmen zu stärken. Der Staat sollte gerade jetzt alle Möglichkeiten nutzen, um Innovationen anzustoßen. Neue Produkte setzen die stärksten Impulse für mehr Wachstum und krisenfeste Arbeitsplätze in Deutschland. Der VCI wird sich deshalb weiterhin dafür einsetzen, dass die Förderung rasch und vor allem forschenden Unternehmen aller Größenklassen zu Gute kommt. Auch die Absicht der Bundesregierung, zukunftsweisende Technologien wie die Nanotechnologie zu fördern, sehen wir als positives Signal für den Standort. Innovationen sind schließlich nicht nur der Garant für wirtschaftliches Wachstum und neue Arbeitsplätze, sondern auch der Schlüssel für Fortschritte bei der Energieeffizienz und im Klimaschutz. Die neue Bundesregierung hat sich in diesem Feld ehrgeizige Ziele gesetzt. Diese sind überhaupt nur dann erreichbar, wenn die Industrie ihr gesamtes Innovationspotenzial nutzen kann. Gefordert ist nicht eine Branche allein, sondern die Zusammenarbeit aller Disziplinen und Branchen über die gesamte Wertschöpfungskette hinweg vom Werkstoff bis zum Endprodukt. Die Chemie hat dabei eine Schlüsselrolle. Solarzellen mit höherem Wirkungsgrad, Windkrafträder mit größerer Leistung und serienreife Autos, die rein elektrisch oder per Brennstoffzelle angetrieben werden, sind ohne die Leistungen der Chemie nicht denkbar. Im Zentrum des Innovationsnetzes steht die chemische Industrie. Deshalb muss Deutschland ein starker Forschungsstandort und ein international wettbewerbsfähiger Produktionsstandort für die chemische Industrie bleiben. Viel wird davon abhängen, ob die Politik die richtige Balance findet. Das heißt, Klimaschutz und eine wettbewerbsfähige Energieversorgung für die energieintensiven Industrien zu gewährleisten. Dann kann und wird die Chemie zusammen mit den anderen Branchen der deutschen Industrie einen wichtigen Beitrag für eine nachhaltig positive Entwicklung in Deutschland leisten.
|
||||||||||||||||||||||||||